zurück

zurück


PACKHOF DES MUSEUMS
Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Str.11
21.02.2010 - 04.04.2010

JAN THOMAS (1970), HALLE/SAALE
MORTALS AND MONSTERS
ZEICHNUNGEN, HOLZSKULPTUREN

zur Biografie

zur Biografie von Jan Thomas

zur Biografie


Der Hallesche Bildhauer  ist mit seinen Holzskulpturen und Holzschnitten unter dem Titel MORTELS AND MONSTERS  in den Räumen des PackHofes zu Gast. Sterbliche und Ungeheuer also sind das, die uns hier in Gestalt von  Säbelzahntigern, Fledermauswesen, Kängurus, Teufelsgestalten und Wilden Männer begegnen. Auf uns wirken sie ein wenig verstörend, denn sie sind physisch stark präsent und erzeugen eine Atmosphäre des bizarr  Wilden, vielleicht sogar die des animalisch Triebhaften. Dennoch  attackieren sie uns nicht wirklich, obwohl die zweiköpfigen Säbelzahntiger ihre Reißzähne zeigen und bärtige  Männer ihre Pistolen in den Raum halten. Sieht man sie sich  intensiver an, ist die  leicht ironische Darstellungsweise des Bildhauers zu spüren; oftmals sind die  Monster mit dem Holzstamm verwachsen und somit  in ein Nirgendwo verbannt.  Sie   verkörpern vielmehr Gesten und  Haltungen, als dass sie in Aktion sind und ihr Umfeld angreifen. Ihre seltsam archaische und sogleich naturalistische Erscheinung erinnert  an etwas Tatkräftiges, an etwas  „Womögliches“. Es wird ihr  Wesenhaftes „angehalten“ und wie im Märchen warten sie auf ein Zauberwort, um zu reißen, zu erschrecken, zu zerstören – kurz, um unsere Ahnungen und  Vorstellungen vom evolutionären Kampf der unkontrollierten Triebe auszuleben. Sind die verdrängten, abgründigen Ängste, Hoffnungen und Gelüste die in unserem  kollektiven und im individuellen Unbe-wussten lauern, der Zauberstab für die Erlösung dieser Geschöpfe aus ihrer Starre und  unsere Blicke bringen dann ihre Erweckung? Sind ihre Triebe das absolut Böse an sich, das Vernichtende – oder eher das in uns hausende Streben eines Überlebenswillen, dem schließlich egal ist, mit welchen Energien er sich durchsetzen kann?

Headshrinker 2009, Pappelholz,
Höhe: 175 cm, Foto: Jan Thomas

Companion 2009, Pappelholz,
Höhe: 175cm, Foto: Inka Meißner

Skeletor, 2008, Pappelholz,
180cm x 70cm x 50 cm, Foto: Björn Siebert

Man on horseback 2009, Pappelholz,
Höhe: 184 cm, Foto: Jan Thomas

Seine Hybriden aus Realismen, mittelalterlichen Bildprogrammen und Alliendesign haben Verwandte und Gleichgesinnte in der Vergangenheit und Gegenwart. Diese sind  in den christlichen Höllendarstellungen, in Märchen und Mythen zu Hause und agieren heute quicklebendig in  Fantasy- und Sciencefictionfilmen, in Computerspielen, im Spielzeugregal der Kinder, im Bilderkanon und in den Posen von Metal Bands, in obskuren Satanszirkeln, in den Tattoo-studios, in unseren Träumen und in den Beichten auf der Couch des Psychoanalytikers. (Diese Aufzählung ließe sich noch fortsetzen.)  Das heißt: der Chor der Bedrohungen lauert immer und überall, er wandelt nur seine Erscheinungsform. Im “Wildpark“ zum  Beispiel  klettern verhüllte Kämpfer mit Maschinenpistolen die Wände hoch. Dort hängen schon Burkabartköpfe gleich  unheimlichen Trophäen und  ein Knabe dirigiert den Tiger. (Der Knabe wiederum tritt uns auch als Einzelfigur auf einem schwarzen Sockel mit dem geheimnisvollen Titel „Vokuhila“ gegenüber. Der bedeutet ironisch profan „Vorne kurz und hinten lang“  und  steht für  einen  Haarschnitt,  speziell  für Männer, aus  den  Achtzigerjahren.)
Diese  Säbelzahntiger tauchen in den Szenarien immer wieder  auf. Sie sind für den Künstler so etwas wie das  Selbstopfer  der Evolution, da sie wohl zu stark bewaffnet  waren, um sich den wandelnden Umweltbedingungen anzupassen und schließlich ausstarben. Wiederum andere  Motivgruppen aus seinem umfangreichen bildhauerischen Werk  könnten einem entfesselten Labor eines modernen Frankensteins entsprungen sein, so rätselhaft und absonderlich sind diese  Menschen und Tiere mit euterartigen Auswüchsen.

Wildpark 2005/06, Pappelholz, Maße variabel, Foto: Nikolaus Brade

In den vorgestellten Holzschnitten nimmt Jan Thomas unmittelbar Bezug auf die Zeichnungen von  Sandro Botticelli (1415 – 1510) zur „Göttlichen Komödie“ von Dante Alighieri (1265 – 1321). Besonders interessiert er sich  für die Teufels- und Fabelgestalten, die voller Leichtigkeit  Gebärden des Bedrohens und des Malträtierens einnehmen. Aus dem bildnerischen Kontext herausgelöst werden sie zu emblematischen Zeichen. Sie behaupten sich an ihrem, ihnen zugewiesenen Ort der Hölle und erfüllen so eine Mission, die im christlichen Weltenplan notwendig ist.

o.T., 2008, Holzschnitt auf Japanpapier,
40cm x 50 cm, Foto: Jan Thomas

o.T., 2008, Holzschnitt auf Japanpapier,
40cm x 50 cm, Foto: Jan Thomas

o.T., 2008, Holzschnitt auf Japanpapier,
40cm x 50 cm, Foto: Jan Thomas

o.T., 2008, Holzschnitt auf Japanpapier,
40cm x 50 cm, Foto: Jan Thomas

(Wir erinnern uns, dass Luzifer der „Oberteufel“  vor seinem Sturz in die Hölle ein  Engel in unmittelbarer Nähe Gottes war, nun in der Unterwelt sein eigenes Reich aufbaute und im Plan  Gottes seinen Platz hat.)  Ab und an zeigen Satan, Luzifer  und  Beelzebub oder wie sonst die Höllengestalten bezeichnet werden, in den Holzskulpturen  ihre  Hörner oder Tierhufe. So  gemahnen sie, gewissermaßen incognito,  an das Höllenreich, das wiederum im christlichen Sinne ein Ort des ewigen, qualvollen Lebens ist. In anderen Mythen, wie zum Beispiel im Altägyptischen oder im Buddhistischen, kann die Unterwelt ein Ort des Durchgangs oder der Katharsis für die zu prüfende Seele des Verstorbenen sein.  Daraus ergibt sich vielleicht die Frage, welcher Ort ist dann ein Ausstellungsraum, in dem wir den Dienern und Wächtern der Unterwelt,  es kann auch die Unterwelt  unseres Seelenhaushaltes sein,  gegenübertreten?  Die Antwort kann wohl nur der Betrachter ahnen, wenn er spürt, dass unser zwanghaft kontrollierter Vitalitätshaushalt sich gern diesen anderen Seiten nähert, wissend und unwissend zugleich.

o.T., 2008, Holzschnitt auf Japanpapier,
40cm x 50 cm, Foto: Jan Thomas

Zum Vergrößern der Bildansichten und Schließen der geöffneten Fenster auf die Bilder klicken

Text / Kurator: Armin Hauer


zurück

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag  von 11.00 bis 17.00 Uhr

nach oben