|
|
|
|
Meine Lieben!
Ich weiß nicht, weshalb Ihr über diese
„Ansichtskarte” gelacht habt? Ich vermute, dass Ihr an die peinliche Idee
gedacht habt, Bildchen an die Tante zu schicken, aus dem Ferienlager, der
Verwünschungen, ein Landschaftsbildchen auszuwählen, die Briefmarken zu
suchen, Geld auszugeben, für so etwas Abstraktes. Falls Ihr überhaupt noch
daran denkt. Aber sicher hebt Ihr sie irgendwo auf, die von den
Ferienlagerfreunden oder von den Eltern, die ohne Euch weggefahren sind.
Es sei denn, dass ich die Generationen durcheinandergebracht habe.
Die
Ansichtskarte teilt nichts weiter mit als „Ich denke an Dich, ich schicke
Dir ein Bildchen, Du kannst mich beneiden, weil ich hier bin, aber ich
erinnere nur daran, dass ich bin. Schau mal, ich habe sie gekauft und die
Briefmarke, ich habe einige Worte mit dem Kugelschreiber geschrieben, ich
habe einen Briefkasten gefunden. Du musst das nicht würdigen, ich bin nur
da“. Ich möchte, dass diese Ansichtskarte von der Unmöglichkeit einer
Verständigung zeugt, von der jüngeren Vergangenheit, die sich 90 km bis zu
unerforschten Ausmaßen erstreckte. Einstmals waren „Grüße aus Grünberg“,
die nach Frankfurt (Oder) geschickt wurden, eine einfache Mitteilung von
einer nicht allzu weiten Reise. Heute sind sie belastet durch die Schwere
der Geschichte, durch die Unterschiede in der Mentalität, das
Nichtverstehen der Sprachen. Dem Anschein des Kontaktes, der stets auf
offiziellen Ebenen stattfindet - und eigentlich gar nicht stattfindet. In
beiden Städten gab es Synagogen, die zur gleichen Zeit zerstört wurden. In
beiden blieb nichts von ihnen übrig.
Es kann auch sein,
dass du versuchst jemanden etwas zu erzählen, ihn nicht kennend, einzig
wissend, wer er ist. Man fürchtet das Nichtverstehen, die Ablehnung und
ist sich gleichzeitig dessen bewusst, dass es dafür keinerlei Gründe gibt,
außer der Geschichte, der Unmöglichkeit der Verständigung, verjährte
Angst, Vorbehalte und Unkennt- |
|
nis. |
Wojciech Kozłowski,
Zielona Góra, Februar 2010 |
|
|
|
|
Grüße
aus Zielona Góra, diesen Titel wählte der Kurator Wojciech Kozłowski
für das diesjährige Projekt in den Räumen des PackHofs. Das Plakat
und die Einladungskarte zeigen uns eine Bronzeplastik, die auf einem
Platz in Zielona Góra steht und wohl in den frühen Dreißigerjahren
entstanden ist, also im damaligen Grünberg. Ein kleines Mädchen reitet
auf dem Pferd. Dahinter befindet sich ein gläsernes Dach und eine
Mauer aus groben Steinen. Damit ist das Grundthema angeschlagen: das
heutige Leben in einer Stadt, die von den katastrophalen Ereignissen
des 2. Weltkriegs, der Diktatur des Kommunismus und von den
widersprüchlichen gesellschaftlichen Wandlungen nach 1990 geprägt
wurde und wird. Von dort aus erhält die Stadt Frankfurt (Oder) „Grüße“
in Form von Kunstwerken unter der Prämisse, dass eine Verständigung
wohl schon von vornherein nicht möglich ist, denn die bittere Schwere
der Geschichte, das Nichtverstehen der Sprache und das Fremdeln, ob
der unter-schiedlichen Mentalitäten, schließen dieses aus, wie wir es
im obigen „Brief“ lesen können. Oder doch nicht? Kunst kann über das
Sehen und Empfinden in das Unbewusste, in das kollektive und
in das individuelle, vordringen und die
Verkrustungen des „Nichtver-stehens“ unterwandern oder ein wenig
enthärten. In diesem Sinne zeigt das Museum Junge Kunst seit
Jahrzehnten Gegenwartskunst aus dem östlichen Nachbarland. Seit
vier Jahren besteht eine Zusam- |
|
|
menarbeit mit
der Galerie BWA in Zielona Góra. Wojciech Kozłowski,
Direktor dieser staatlichen Einrichtung, zählt zu den profundesten Kennern
der zeitgenössischen Kunstszene seines Landes. Als Gastkurator im MJK
stellte er unterschiedliche Konzeptionen und künstlerische Positionen der
Gegenwartskunst vor. In dieser Ausstellung konzentrierte er sich auf das
schöpferische Potential seiner Stadt. Er stellt fünf junge Künstler vor,
die zum Teil an der hiesigen Universität Kunst studierten. Basia Bańda war
vor zwei Jahren schon einmal Gast in unseren Räumen und ist diesmal unter
anderem mit einem großen Kaninchen-Objekt vertreten. Auch Michał
Jankowski, Jarosław Jeschke, Karolina Spiak und
Rafał Wilk
haben sich eine Bildsprache erarbeitet,
die unmittelbar, zugleich vielschichtig und irritierend auf uns wirkt.
Obwohl sie ästhetisch-konzeptionell in verschiedenen Richtungen gehen,
schwingt die Prämisse des Historischen und des Erlebens einer medialen
manipulierten Welterfahrung mit. Einige Kunstwerke stehen in einem
geschichtlichen oder in einem künstlerischen Kontext, der uns nicht
bekannt ist, den man sich im Nachhinein aneignen könnte. Doch auch ohne
dieses Vorwissen um den Ausgangspunkt der Bildfindung spürt man die
Intensität ihres Arbeitens, Bilder ohne Botschaftshuberei zu schaffen.
Dabei schwingen
Historisches, Alltägliches, Banales und
Tragisches in vielen Arbeiten mit.
Der Kurator
versteht die Kunstwerke gleich Postkarten, deren rückseitigen Text wir
uns selbst schreiben/ersehen müssen. Da ja die Rezeption von Kunst immer
im gewissen Sinne ein Missverständnis zwischen Maler, Zeit und dem
jetzigen Sehen mit einschliesst, tragen die Arbeiten diesen postmodernen
Zeitgeist des Ambivalenten, des semantischen Dekonstruierens und des
bildlichen Konstruierens in sich, egal, was jeder von ihnen in den Räumen
des PackHofes vorstellt. Dieses Missverständnis ist für uns und für alle
im günstigsten Fall ein produktives - und auch hier möglich. |
|
In den zwei Räumen des linken Ausstellungsteils stellt Rafał Wilk
drei Videoarbeiten und zwei kleine Bilder vor. Eins zeigt eine Übermalung
eines Fotos des 17 jährigen Herszel Grynspan (1921 –1942),
aufgenommen von der Französischen Polizei unmittelbar nach seiner
Festnahme, nachdem er in der Deutschen Botschaft am 7. September 1938 auf
den Botschaftssekretär Ernst vom Rath die tödlichen Schüsse abgab. (Er
begann die Tat aus persönlicher Verzweiflung, da Deutschland Tausende
Juden ins Niemandsland zwischen Polen und Deutschland abschob. Darunter
waren auch seine Eltern, polnische Staatsbürger, die jahrelang in Hannover
lebten. Dieses Attentat nahmen die Nationalsozialisten unter anderem zum
Anlass für die Pogromnacht am 9. November 1938.) Im gleichen Raum
läuft das Video „Sie glauben nicht an den Elefanten”. Der
Titel bezieht sich auf den
politisch-satirischen
Roman
von
Slawomir Mrozek |
|
|
|
 |
|
Rafał Wilk,
Raum zwischen den Dingen,
Filmaufnahme, 3:33DVD Loop, 2010 |
|
|
|
|
(1930) „Der Elefant” (Słón) und zeigt in Zeitlupe, wie eine Hand eine
Glasscheibe berührt, schlägt und zerstört. Auch im zweiten Raum geht
es in den Filmen, die zunächst starren Fotos aus Vorkriegszeit und aus der
des 2. Weltkrieges gleichen, um das Reagieren des Einzelnen im
Malstrom der Geschichte. Erst nach längerem Hinsehen fällt uns dabei der
Sarkasmus und der ironische Hintersinn im Umgang mit den historischen
Dokumenten auf. Die ewige Frage an die Fotografie und an den Film: „Kann
man dir trauen?”, wird wieder gestellt und zwar so, dass wir das Gefühl
erhalten, die Antwort selbst gefunden zu haben. |
|
|
 |
|
Basia Bańda,
Die Frauen des Graubärtigen,
Wasserfarbe auf Papier, 18 x 24 cm, 2008 |
|
|
Im Kontrast dazu setzt Basia Bańda ein etwas unheimliches und
groteskes Wesen, das einem Kaninchen und einem unförmigen, dicken Mann
ähnelt, in den dritten Raum; das Tier der Mythen und des Joseph Beuys wird
zum monströs dumpfen Körperobjekt. Aus dem Zyklus „Blaubart” sehen wir
Bilder, die ihr Generalthema, das der sexuellen Gier,
dem
physischen So-Sein und dem ewigen Begehren und dem Beherrschen und
Besitzen des Partners zum Inhalt haben. Der Postfeminismus erhält bei ihr
eine Sprache, die weder obszön, provokativ, feministisch militant oder
dekonstruktiv verkitscht ist. Sie bewegt sich in einer Ruhezone des
Geschlechterkampfes Das bedeutet aber nicht, dass die Rüstungen
abgelegt wurden oder die Waffen rosten. Gewalt, Erniedrigung,
Spiel, Rollentausch sind hinter den |
|
|
Masken und
comicgleichen Konstellationen verborgen und sorgen zugleich für ihre
Anwesenheit. Vielleicht sind gerade deshalb ihre Einblicke in eine Welt
des spannungsvollen Eros und des Triebhaften so nachhaltig irritierend. |
|
 |
Basia Bańda
(1980),
Objekt,
2009, Kunstleder, 150 x 300 cm, Foto:
BWA, Zielon Góra
|
|
|
Im ersten
Raum des rechten Ausstellungsbereiches stellt sich die 27jährige
Karolina Spiak mit ihren Bildergeschichten aus dem Wohnkosmos einer
Plattenbausiedlung vor. Als maltechnischen Untergrund für ihre lapidar
erzählten Begebenheiten nutzt sie Platten, die mal die Rückseiten von
Schränken waren und wohl auf dem Müll gefunden wurden. Diese lädierten
Fundstücke sind an den Rändern uneben und kleine Löcher zeugen noch von
ihrer einstigen funktionalen Bestimmung. Jetzt dienen sie Höherem und
tragen die Beobachtungen des Alltäglichen auf ihren Rückseiten. Diese
wiederum wirken erfrischend und ernüchternd, wenn wir durch den Spion
Frauen beim Tratschen im Hausflur beobachten oder schlurfige Gestalten mit
Einkaufstasche durch das Revier schleichen sehen. Manchmal bewegen sich
die Helden des Rauchens, des Trinkens, des Ballspiels und des
Kinderwagenschiebens unmittelbar auf oder vor den Textzeilen, so, als ob
ihre einfachen Kommentare den Laufsteg ihres Seins bilden. Das Nichtige
unsere Allerweltsgedanken wird hier das Lebendige. Die Perspektive des
Beobachtens und des Hörens ist der des „Big brothers“ nicht unähnlich: mal
geht es ganz dicht an das Objekt heran - mal wird weggezoomt. Ihre
Malweise erinnert im Figurenstil und in der erfrischenden Farbigkeit an
Schüler-zeichnungen. Ihr Stil kommt bescheiden und unaufgeregt daher und
dort finden Motiv und Text zu einer Einheit des Erzählens. Dadurch wird
das Bild zum fiktiven Dokument des dahinfließenden Alltags inmitten der
Hochhäuser „... wirf die Glimmstängel herunter, verdammt.“ (Bild Nr. 1)
|
|
 |
 |
|
Karolina Spiak, "Sie
haben keine Ahnung was sie macht! Sie besucht Rafal und entlässt
sich mit
diesem lahmen Junge. Ich habe gesehen wie sie
im Keller geküsst haben. Passen Sie auf sie auf!"
Öl auf Holzfaserplatte, 24 x 31,3 cm, 2008 |
Karolina Spiak,
"Karola! Leih mir bitte deinen Rasier-
apparat. Dieser mit dem Du deine Beine rasierst. Ich
gehe mir ein Foto machen und ich möchte mich
rasieren ..." Öl auf Holzfaserplatte, 34 x 51,5 cm, 2008 |
|
|
|
|
Einen Raum
weiter konfrontiert uns Jarosław Jeschke mit einer
Grundkonstante des Lebens, es ist die des Opfers. Der größere
Zusammenhang - Opfer/Täter, Warum/Weshalb/Wieso - wird uns
vorenthalten. Es scheint ihn nicht zu interessieren warum man bedroht
oder getötet wird. Das Faktische an sich weckt sein Interesse und ist
ihm Antrieb für das Malen und Zeichnen. Dabei wirken die
entemotionalisierten Bilder wie Kommentare auf hinlänglich
bekannte Fotos, Filme und Erlebnisse. Sein Zeichenstil lässt uns an
den in Werbebilder oder in Zeitungsillustrationen denken. Er lebt von
der Linie und von der Konturierung des Gegen-standes. Das Weglassen
der Details irritiert uns stärker, als wenn er das große Kunstregister
des Dramatischen ziehen würde. In seinen post-kartengroßen Bleistiftzeichnungen, sie sind
spar- |
|
|
|
 |
|
Jarosław
Jeschke, Das Rehchen, Gouache auf Aquarellpapier, 16 x 19
cm, 2010 |
|
|
|
|
sam
koloriert, sehen wir zum Beispiel einen am Boden liegenden Mann. Ein
roter Farbfleck assoziiert „Blut“ und ein Stier stößt den Kopf in
seinen Unterleib. Auf dem Bild daneben erschlägt ein Mann ein Schaf
- die halbe Herde liegt schon am Boden. In den anderen Zeichnungen
fliehen oder stehen Rehlein und Häschen vor dem kalten, bedrohlichen Wald.
Ein kleines Ölbild lässt sein malerisches Talent spüren: ein „totes“
Schnabeltier, altmeisterlich und kontemplativ gemalt, zieht unsere
Blicke auf sich und lässt uns zwischen Kunstgenuss und dem Mitfühlen
schwanken. |
|
|
 |
|
Michał
Jankowski, ohne Titel, Öl auf
Leinwand, 140 x 170 cm, 2009 |
|
|
Michał
Jankowski
widmet sich ebenfalls der dunklen Seite des
Lebens, indem er das Morbide, das Verwesende und das Unheimliche in
Mensch und Tier zu seinem Thema macht. wenn er in Braun- und
Schwarztönen scheinbar naturalistisch Strukturen aufzeigt, nutzt er
eine dunkeltoniges Kolorit, das an die Malerei des 19.
Jahrhunderts denken lässt. Beim näheren Herantreten verflüchtigen sich
jedoch diese handwerklichen Rafinessen und es bleibt ein
abgründiges, informelles Rauschen übrig. Wiederum mit einem
größeren Abstand betrachtet, ergeben diese abstrakten Strukturen
bizarre Gestalten, die ihre Zähne zeigen und einem augen- und
mundlos das Fürchten lehren können. Bei ihm geraten im traditionellen
Motiv der Pietà die Gesichter von Maria und Jesus zu braunerdigen
Flächen; wie sich auch ihre Körper in Farbrinnsale verwandeln. In
seltsamen Kontrast dazu |
|
|
umranden Ähren, naturalistisch gemalt, diese
Gruppe, die mehr in ihrer Abwesenheit als in ihrer Anwesenheit präsent
ist. Es sieht so aus, als ist etwas verlorengegangen und lebt heute im
Zwischenreich des bildhaften Erinnerns weiter, um sich irgendwann zu
verflüchtigen. Ihn scheint diese Zwischenstufe zu interessierten, deshalb
wohl auch ein Rabe im Weizen, der als Kadaver vom Rabe-Sein kündet, zu dem
auch das Tod-Sein gehört. In seinen Bildwelten ist der Surrealismus in
einer sinnlichen Weise aufgehoben und in eine Sprache überführt, die
verätselt und verständlich zugleich ist.
Der Besucher der Ausstellung kann von sich aus entscheiden, ob er die
Grüße aus Zielona Góra entziffern kann oder ob er mit seinem eigenen Text
einen Beitrag zur Verständigung beisteuern könnte. |
|
Armin Hauer |
|
|
|
Zum Vergrößern der
Bildansichten und Schließen der geöffneten Fenster auf die
Bilder klicken |
|
|
|
|
Text: Wojciech Kozłowski / Armin
Hauer
Kurator:
Wojciech Kozłowski, Direktor Galerie BWA Zielona Góra;
www.bwazg.pl |
|
|