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PACKHOF DES MUSEUMS
Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Str.11
15.04.2010 - 27.06.2010

GRÜSSE AUS ZIELONA GÓRA

VIDEO, MALEREI, OBJEKT

Museum Junge Kunst

ein Projekt in Zusammenarbeit mit der Galerie  BWA Zielona Góra

Basia Bańda (1980), Karolina Spiak (1983), Micha Jankowski (1977),
Jarosław Jeschke (1977), Rafał Wilk (1979)


GRÜSSE AUS ZIELONA GÓRA

Meine Lieben!
Ich weiß nicht, weshalb Ihr über diese „Ansichtskarte” gelacht habt? Ich vermute, dass Ihr an die peinliche Idee gedacht habt, Bildchen an die Tante zu schicken, aus dem Ferienlager, der Verwünschungen, ein Landschaftsbildchen auszuwählen, die Briefmarken zu suchen, Geld auszugeben, für so etwas Abstraktes. Falls Ihr überhaupt noch daran denkt. Aber sicher hebt Ihr sie irgendwo auf, die von den Ferienlagerfreunden oder von den Eltern, die ohne Euch weggefahren sind. Es sei denn, dass ich die Generationen durcheinandergebracht habe.
Die Ansichtskarte teilt nichts weiter mit als „Ich denke an Dich, ich schicke Dir ein Bildchen, Du kannst mich beneiden, weil ich hier bin, aber ich erinnere nur daran, dass ich bin. Schau mal, ich habe sie gekauft und die Briefmarke, ich habe einige Worte mit dem Kugelschreiber geschrieben, ich habe einen Briefkasten gefunden. Du musst das nicht würdigen, ich bin nur da“. Ich möchte, dass diese Ansichtskarte von der Unmöglichkeit einer Verständigung zeugt, von der jüngeren Vergangenheit, die sich 90 km bis zu unerforschten Ausmaßen erstreckte. Einstmals waren „Grüße aus Grünberg“, die nach Frankfurt (Oder) geschickt wurden, eine einfache Mitteilung von einer nicht allzu weiten Reise. Heute sind sie belastet durch die Schwere der Geschichte, durch die Unterschiede in der Mentalität, das Nichtverstehen der Sprachen. Dem Anschein des Kontaktes, der stets auf offiziellen Ebenen stattfindet - und eigentlich gar nicht stattfindet. In beiden Städten gab es Synagogen, die zur gleichen Zeit zerstört wurden. In beiden blieb nichts von ihnen übrig.
Es kann auch sein, dass du versuchst jemanden etwas zu erzählen, ihn nicht kennend, einzig wissend, wer er ist. Man fürchtet das Nichtverstehen, die Ablehnung und ist sich gleichzeitig dessen bewusst, dass es dafür keinerlei Gründe gibt, außer der Geschichte, der Unmöglichkeit der Verständigung, verjährte Angst, Vorbehalte und Unkennt-

nis.

Wojciech Kozłowski, Zielona Góra, Februar 2010

Grüße aus Zielona Góra, diesen Titel wählte der Kurator  Wojciech Kozłowski für das diesjährige Projekt in den Räumen des PackHofs. Das Plakat und die Einladungskarte zeigen uns eine Bronzeplastik, die auf einem Platz in Zielona Góra steht und wohl in den frühen Dreißigerjahren entstanden ist, also im damaligen Grünberg. Ein kleines Mädchen reitet auf dem  Pferd. Dahinter befindet sich  ein gläsernes Dach  und eine Mauer aus groben Steinen. Damit ist das Grundthema angeschlagen: das heutige Leben in einer  Stadt, die von den katastrophalen Ereignissen des 2. Weltkriegs, der Diktatur des Kommunismus  und von den widersprüchlichen   gesellschaftlichen Wandlungen nach 1990 geprägt wurde und wird. Von dort aus erhält die Stadt Frankfurt (Oder) „Grüße“ in Form von Kunstwerken unter der Prämisse, dass eine Verständigung wohl schon von vornherein nicht möglich ist, denn die bittere Schwere der Geschichte, das Nichtverstehen der Sprache und das Fremdeln, ob der unter-schiedlichen Mentalitäten,  schließen dieses aus, wie wir es im obigen „Brief“ lesen können. Oder doch  nicht? Kunst kann über das Sehen und Empfinden in das Unbewusste, in  das kollektive und  in  das  individuelle, vordringen  und  die  Verkrustungen  des „Nichtver-stehens“ unterwandern oder ein wenig enthärten. In diesem Sinne zeigt das Museum Junge Kunst seit Jahrzehnten Gegenwartskunst aus dem östlichen Nachbarland. Seit  vier Jahren besteht eine Zusam-

menarbeit mit der  Galerie BWA in Zielona Góra. Wojciech Kozłowski, Direktor dieser staatlichen Einrichtung, zählt zu den profundesten Kennern der zeitgenössischen Kunstszene seines Landes. Als Gastkurator im MJK stellte er unterschiedliche Konzeptionen und künstlerische Positionen der Gegenwartskunst vor. In dieser Ausstellung konzentrierte er sich auf das schöpferische Potential seiner Stadt. Er  stellt fünf junge Künstler vor, die zum Teil an der hiesigen Universität Kunst studierten. Basia Bańda war vor zwei Jahren schon einmal Gast in unseren Räumen und ist diesmal unter anderem mit einem großen Kaninchen-Objekt vertreten. Auch Michał  Jankowski, Jarosław Jeschke, Karolina Spiak und Rafał Wilk  haben sich eine Bildsprache erarbeitet, die  unmittelbar, zugleich vielschichtig und irritierend auf uns wirkt. Obwohl sie ästhetisch-konzeptionell in verschiedenen Richtungen gehen, schwingt die Prämisse des Historischen und des Erlebens  einer medialen manipulierten Welterfahrung mit. Einige Kunstwerke stehen in einem geschichtlichen oder in einem künstlerischen Kontext, der uns  nicht bekannt ist, den man sich im Nachhinein aneignen könnte. Doch auch ohne dieses Vorwissen um den Ausgangspunkt der Bildfindung spürt man die Intensität  ihres Arbeitens,  Bilder ohne Botschaftshuberei zu schaffen. Dabei schwingen Historisches, Alltägliches, Banales und Tragisches in vielen Arbeiten mit.
Der Kurator versteht die Kunstwerke gleich Postkarten,  deren rückseitigen Text wir uns selbst schreiben/ersehen müssen. Da ja die Rezeption von Kunst immer im gewissen  Sinne ein Missverständnis zwischen Maler, Zeit und dem jetzigen Sehen mit einschliesst, tragen die  Arbeiten diesen postmodernen Zeitgeist des  Ambivalenten, des semantischen Dekonstruierens und des bildlichen Konstruierens  in sich, egal, was jeder von ihnen in den Räumen des PackHofes vorstellt. Dieses Missverständnis ist für uns und für alle im günstigsten Fall ein produktives - und auch hier möglich.

In den zwei Räumen des linken Ausstellungsteils stellt Rafał Wilk drei Videoarbeiten und zwei kleine Bilder vor. Eins zeigt eine Übermalung eines Fotos des  17 jährigen Herszel Grynspan (1921 –1942), aufgenommen von der Französischen Polizei unmittelbar nach seiner Festnahme, nachdem er in der Deutschen Botschaft am 7. September 1938 auf den Botschaftssekretär Ernst vom Rath die tödlichen Schüsse abgab. (Er begann die Tat aus persönlicher Verzweiflung, da Deutschland Tausende Juden ins Niemandsland zwischen Polen und Deutschland abschob. Darunter waren auch seine Eltern, polnische Staatsbürger, die jahrelang in Hannover lebten. Dieses Attentat nahmen die Nationalsozialisten unter anderem zum Anlass für die Pogromnacht am 9. November  1938.) Im gleichen Raum läuft das  Video  „Sie glauben nicht an den Elefanten”. Der Titel bezieht sich auf den  politisch-satirischen   Roman   von Slawomir Mrozek

Rafał Wilk, Raum zwischen den Dingen,
Filmaufnahme, 3:33DVD Loop, 2010

(1930) „Der Elefant” (Słón) und zeigt in Zeitlupe, wie eine Hand eine Glasscheibe berührt, schlägt und zerstört. Auch im  zweiten Raum geht es in den Filmen, die zunächst starren Fotos aus Vorkriegszeit und aus der des 2. Weltkrieges gleichen,  um das Reagieren des Einzelnen im Malstrom der Geschichte. Erst nach längerem Hinsehen fällt uns dabei der  Sarkasmus und der ironische Hintersinn im Umgang mit den historischen Dokumenten auf. Die ewige Frage an die Fotografie und an den Film: „Kann man dir trauen?”, wird wieder gestellt und zwar so, dass wir das Gefühl  erhalten, die Antwort selbst gefunden zu haben.

Basia Bańda, Die Frauen des Graubärtigen,
Wasserfarbe auf Papier, 18 x 24 cm, 2008

Im Kontrast  dazu setzt  Basia Bańda ein etwas unheimliches und groteskes Wesen, das einem Kaninchen und einem unförmigen, dicken Mann ähnelt, in den dritten Raum; das Tier der Mythen und des Joseph Beuys wird zum monströs dumpfen Körperobjekt. Aus dem Zyklus   „Blaubart” sehen wir Bilder, die ihr Generalthema, das der sexuellen Gier, dem physischen So-Sein und dem ewigen  Begehren und dem Beherrschen und Besitzen des Partners zum Inhalt haben. Der Postfeminismus erhält bei ihr eine  Sprache, die weder obszön, provokativ, feministisch militant oder dekonstruktiv verkitscht ist. Sie bewegt sich in einer Ruhezone des Geschlechterkampfes Das bedeutet  aber nicht, dass die Rüstungen abgelegt wurden oder die Waffen rosten. Gewalt, Erniedrigung,  Spiel,  Rollentausch sind  hinter  den

Masken und comicgleichen Konstellationen verborgen und  sorgen zugleich für ihre Anwesenheit. Vielleicht sind gerade deshalb ihre Einblicke in eine Welt des spannungsvollen Eros und des Triebhaften so nachhaltig irritierend.

Basia Bańda (1980), Objekt, 2009, Kunstleder, 150 x 300 cm, Foto: BWA, Zielon Góra

Im ersten Raum des rechten Ausstellungsbereiches stellt sich die 27jährige Karolina Spiak mit ihren Bildergeschichten aus dem Wohnkosmos einer Plattenbausiedlung vor. Als maltechnischen Untergrund für ihre lapidar erzählten Begebenheiten nutzt sie Platten, die mal die Rückseiten von Schränken waren und wohl auf dem Müll gefunden wurden. Diese lädierten Fundstücke sind  an den Rändern uneben und kleine Löcher zeugen noch von ihrer einstigen funktionalen Bestimmung. Jetzt dienen sie Höherem und tragen die Beobachtungen des Alltäglichen auf ihren Rückseiten. Diese wiederum wirken erfrischend und ernüchternd, wenn wir durch den Spion Frauen beim Tratschen im Hausflur beobachten oder schlurfige Gestalten mit Einkaufstasche durch das Revier schleichen sehen. Manchmal bewegen sich die Helden des Rauchens, des Trinkens, des Ballspiels  und des Kinderwagenschiebens unmittelbar auf oder vor den  Textzeilen, so, als ob ihre einfachen Kommentare den Laufsteg ihres Seins bilden. Das Nichtige unsere Allerweltsgedanken wird hier das Lebendige. Die Perspektive des Beobachtens und des Hörens ist der des „Big brothers“ nicht unähnlich: mal geht es ganz dicht an das Objekt heran - mal wird weggezoomt. Ihre Malweise erinnert im Figurenstil und in der erfrischenden Farbigkeit an Schüler-zeichnungen. Ihr Stil  kommt bescheiden und unaufgeregt daher und dort   finden  Motiv und Text zu einer Einheit des Erzählens. Dadurch wird das  Bild zum fiktiven Dokument des dahinfließenden Alltags inmitten der Hochhäuser „... wirf die Glimmstängel herunter, verdammt.“ (Bild Nr. 1)

Karolina Spiak, "Sie haben keine Ahnung was sie macht! Sie besucht Rafal und entlässt sich mit
diesem lahmen Junge. Ich habe gesehen wie sie
im Keller geküsst haben. Passen Sie auf sie auf!"
Öl auf Holzfaserplatte, 24 x 31,3 cm, 2008

Karolina Spiak, "Karola! Leih mir bitte deinen Rasier-
apparat. Dieser mit dem Du deine Beine rasierst. Ich
gehe mir ein Foto machen und ich möchte mich
rasieren ..." Öl auf Holzfaserplatte, 34 x 51,5 cm, 2008

Einen Raum weiter  konfrontiert uns Jarosław Jeschke mit einer Grundkonstante des Lebens, es ist die des Opfers. Der größere Zusammenhang - Opfer/Täter, Warum/Weshalb/Wieso - wird uns vorenthalten. Es scheint ihn nicht zu interessieren warum man bedroht oder getötet wird. Das Faktische an sich weckt sein Interesse und ist ihm Antrieb für das Malen und Zeichnen. Dabei wirken die entemotionalisierten Bilder wie Kommentare  auf hinlänglich bekannte Fotos, Filme und Erlebnisse. Sein Zeichenstil lässt uns an den in Werbebilder oder in Zeitungsillustrationen denken. Er lebt von der Linie und von der Konturierung des Gegen-standes. Das Weglassen der Details irritiert uns stärker, als wenn er das große Kunstregister des Dramatischen ziehen würde. In seinen post-kartengroßen  Bleistiftzeichnungen,  sie  sind  spar-

Jarosław Jeschke, Das Rehchen, Gouache auf Aquarellpapier, 16 x 19 cm, 2010

sam koloriert, sehen wir zum Beispiel einen am Boden liegenden Mann.  Ein roter Farbfleck assoziiert „Blut“ und ein Stier stößt den  Kopf in seinen Unterleib. Auf dem Bild daneben erschlägt ein Mann  ein Schaf -  die halbe Herde liegt schon am Boden. In den anderen Zeichnungen fliehen oder stehen Rehlein und Häschen vor dem kalten, bedrohlichen Wald. Ein kleines Ölbild lässt sein malerisches Talent spüren: ein „totes“ Schnabeltier, altmeisterlich und  kontemplativ gemalt, zieht unsere Blicke auf sich und lässt uns zwischen Kunstgenuss und dem Mitfühlen schwanken.

Michał Jankowski, ohne Titel, Öl auf
Leinwand, 140 x 170 cm, 2009

Michał Jankowski widmet sich ebenfalls der dunklen Seite des Lebens, indem er das Morbide, das Verwesende und das Unheimliche in Mensch und Tier  zu seinem Thema macht. wenn er in Braun- und Schwarztönen scheinbar naturalistisch Strukturen aufzeigt, nutzt er eine dunkeltoniges Kolorit, das an die Malerei des   19. Jahrhunderts denken lässt. Beim näheren Herantreten verflüchtigen sich jedoch diese  handwerklichen  Rafinessen und es bleibt ein abgründiges, informelles Rauschen übrig.  Wiederum mit einem größeren Abstand betrachtet, ergeben diese abstrakten Strukturen bizarre Gestalten, die ihre Zähne zeigen und einem  augen- und mundlos das Fürchten lehren können. Bei ihm geraten im traditionellen Motiv der Pietà die Gesichter von Maria und Jesus zu braunerdigen Flächen; wie sich auch ihre Körper in Farbrinnsale verwandeln. In seltsamen Kontrast dazu

umranden Ähren, naturalistisch gemalt, diese Gruppe, die mehr in ihrer Abwesenheit als in ihrer Anwesenheit präsent ist. Es sieht so aus, als ist etwas verlorengegangen und lebt heute  im Zwischenreich des bildhaften Erinnerns weiter, um sich irgendwann zu verflüchtigen. Ihn scheint diese Zwischenstufe zu interessierten, deshalb wohl auch ein Rabe im Weizen, der als Kadaver vom Rabe-Sein kündet, zu dem auch das Tod-Sein gehört. In seinen Bildwelten ist der Surrealismus in einer sinnlichen  Weise aufgehoben und in eine Sprache überführt, die verätselt und verständlich zugleich ist.
Der Besucher der Ausstellung kann von sich aus entscheiden, ob er die Grüße aus  Zielona Góra entziffern kann oder ob er mit seinem eigenen Text einen Beitrag  zur Verständigung beisteuern könnte.

Armin Hauer

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Text: Wojciech Kozłowski / Armin Hauer
Kurator: Wojciech Kozłowski, Direktor Galerie BWA Zielona Góra; www.bwazg.pl


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Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag  von 11.00 bis 17.00 Uhr

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