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ERÖFFNUNGSREDE VOM 11.OKTOBER 2009

 

ERÖFFNUNGSREDE 11.10. 2009
Nimm dich in Acht
Kerstin Grimm (1956), Berlin;
Zeichnungen, Plastiken, Mosaike

“Ich finde, dass die Schönheit im Leben eine große Rolle spielt“, stellt die Künstlerin bei meinem letzten Atelierbesuch im August diesen Jahres fest, als ich mir gerade eine großformatige Zeichnungscollage zum Thema Kinderspiele von ihr betrachtete.  Diese, wie auch zahlreiche andere ihrer Arbeiten, besitzt nicht nur für mich etwas wirklich Schönes, sondern auch Besucher unserer Ausstellung „Unverzichtbar“ blieben vor Bildern von Kerstin Grimm nicht nur längere Zeit stehen, sondern äußerten sich auch bewundernd  über sie, wobei nicht selten der Begriff des „Schönen“ fiel.

Man glaubt es kaum, aber es scheint, wenn auch in seltenen Fällen, eine Konsensfähigkeit über Schönheitsvorstellungen zu geben. Kerstin Grimm führt die Gemeinsamkeit dieses Empfindens auf die Möglichkeit der Einfühlbarkeit des Betrachters in das jeweilige Werk zurück, d. h. auf etwas, was über das optisch Identifizierbare hinausgeht und unser Gefühl nicht nur in positivster Weise anspricht, sondern auch einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt, bei dem immer der Rest eines Geheimnisses erhalten bleibt. D. h. es offenbart sich  etwas, nennen wir es vorerst einmal eine „spannungsvolle Wertigkeit“,  die sich nur schwer erklären lässt. Dennoch möchte ich an einem Werkbeispiel versuchen, diesem Geheimnis etwas näher zu kommen.

Die bereits erwähnte Arbeit zum Thema Kinderspiele gefiel mir nicht nur sehr, sie war mir trotz ihrer Rätselhaftigkeit vertraut.  Auch hier wieder spielte die Künstlerin mit dem  Bruchstückhaftem, wie es auch andere Vertreter der Postmoderne tun. Dennoch setzt sie sich wirkungsvoll  von den vielen Unverbindlichkeiten postmoderner Kunst auch dadurch ab, dass ihr der Dialog zwischen dem  Hier und Heute und vergangener Zeit  immer wieder von neuem besonders gut und facettenreich gelingt.

So erinnerte mich die Kinderdarstellung auf ihrer Collage an die altdeutsche Malerei des 16. Jahrhunderts, d. h. an Bilder der Hochrenaissance und insbesondere an einen ihrer bedeutendsten Vertreter, an Hans Holbein, den Jüngeren. An seinem berühmtesten Bild, das  die „ Madonna des Basler Bürgermeister Jakob Meyer zum Hasen“ zeigt, malte Holbein 3 Jahre. Auf diesem sehen wir das Christuskind in den Armen der Maria, umgeben von der Familie des Bürgermeisters. Doch obwohl es bei Kerstin Grimm als Auslöser für die eigene Arbeit diente, ist ihr Bild  inhaltlich wie formal grundsätzlich anders. Nicht zuletzt trennen beide Bilder mehr als 500 Jahre voneinander. So ist ihre Collage auch kein Familienbild, das den Blick wie bei Holbein in  einer Dreieckskomposition und zahlreichen formalen Diagonalbezügen zur thronenden Maria mit dem Kind lenkt ,in dem Weltlichkeit und Geistlichkeit, Natur und Interieur miteinander verwoben und zugleich in einem bühnenhaften Raum symbiotisch miteinander verbunden sind. Vielmehr befindet sich bei der Arbeit  von Kerstin Grimm das Kind auf der linken Bildhälfte des langen Querformats, aus allen menschlichen und konkret örtlichen Bezügen herausgelöst, allein,  gleichsam ausgesetzt, nur in körperlicher Nähe zu einem jungen Tier. Aber auch seine Haltung hat sich im Vergleich zu Holbeins Darstellung grundsätzlich verändert. Es wurde gedreht und schmiegt sich nicht an die  Gottesmutter an, geborgen in deren schützenden Händen, sondern an einen Flughund. Es sitzt in einem  hellen Tondo und ist nicht mehr nackt, sondern mit einem roten Kleid und einer schwarzen Mütze bekleidet und auch nicht wie bei dem Altmeister mit entrücktem Blick dargestellt, sondern es schaut uns direkt an. Nur noch geborgen in einem hellen Tondo, dass durch seltsame Zeichen strukturiert ist, ist es zugleich ausgesetzt in einer schwarzen die gesamte Bildfläche dominierenden Aura. In dieser ist daneben ein vergleichbar großes Tondo gestellt, in dem sich nur ein noch kleines schwarzes Oval und ein Stück Goldstruktur befinden.  Ist hier der Hinweis auf eine Restsubstanz des Göttlichen zu sehen oder ist diese stakkatohaft gesetzte leuchtende  wertvolle Goldfarbe rein aus formalen Gesichtspunkten von Kerstin Grimm gewählt worden?

Letzteres scheint zuzutreffen, denn die Künstlerin bekannte in einem  Gespräch:  „Das rein Formale tut so bedeutungsgeladen und fügt hinzu:  „Wenn man zu viel über eine Arbeit nachdenkt, hemmt das die Energie. Was ich vorhabe, ändert sich viele Male.“

Doch nicht nur bei diesem Bild, sondern generell sind die Anregungsfaktoren vielfältig: alte Fotos, die manchmal sogar auf dem Trödelmarkt von ihr entdeckt werden, Tiere, wie wir sie täglich im Alltag aber auch im Tierpark sehen, kleine Mädchen auf der Schwelle zum Erwachsenwerden mit einer untergründig erotischen Note  und immer wieder Kinderdarstellungen der Renaissancemalerei sind es. Denn gerade diese  „Putten und Jesuskinder gucken so wunderbar wichtig“ stellte die Künstlerin nicht zu unrecht fest.

Alle diese Mischtechniken entstehen im Collageverfahren. D. h., sie bestehen  aus zum Teil auf dem Boden gemalten Zeichnungen. Hierfür nutzt Kerstin Grimm das Aquarell und die Tusche, das schnell trocknende Acryl bzw. Kreide und Kohle. Sie schneidet oder reißt bestimmte Segmente aus den Zeichnungen heraus und tackert sie auf große an die Wand gestellte Holzhintergründe, die mit Papier bespannt sind.  So entsteht einerseits ein räumlich frei wählbarer Abstand von der Künstlerin zur Arbeit und andererseits kann die Stellung der einzelnen Bildelemente solange verändert werden, bis die Komposition stimmig ist. Farbig satte intensive Flächen, in die des öfteren auch glänzende Papiere mit einbezogen werden, stehen dabei neben zarten Bleistiftzeichnungen, Überklebungen von leicht geknittert strukturierten und übermalten Flächen,  neben dem glatten, zum Teil überzeichnetem Grund.  Durch die mehrschichtige Verleimung, bei der das Papier genässt wird, bilden sich  erneut Knitter, ein Prozess, der nicht steuerbar ist und der Arbeit darüber hinaus eine reliefhaft dynamische Struktur verleiht.

Nicht zuletzt aus dieser Arbeitsmethode heraus entstehen immer wieder neue Facetten einer rätselhaften Welt, die den Träumen vergleichbar, vertraut wie  befremdlich zugleich wirken, zu beängstigen wie zu verzaubern verstehen, eine Idylle nicht zulassen und dennoch nicht    selten von hintergründigem Humor durchdrungen sind.

Vergleichbares lässt sich für ihre Plastiken feststellen. Auch hier bildet das Bruchstückhafte den Ausgangspunkt der Arbeit. Diese lässt sich bei aller Unterschiedlichkeit in zwei Werkgruppen gliedern. So sind es zum ersten Plastiken zur GROSSEN FLUSSFAHRT“, die während der Jahre 1989 bis 2009 entstehen und zu denen bereits über 30 Einzelwerke gehören. Bereits der Name FLUSSFAHRT assoziiert sowohl   Inhaltliches als auch Formales, denn eine solche Fahrt findet auf dem sich bewegenden Wasser, mit Boten, Ladung und Besatzung, statt.  Doch wie kann man einen so vielgestaltigen dynamischen Prozess, dem stetige Veränderung zu Grunde liegt, in eine plastische Form umsetzen?  Die Vielfalt der facettenreichen „Fahrgemeinschaften“  von Kerstin Grimm gibt uns darauf eine interessante Antwort. So sehen wir in unserer Ausstellung verschiedenste boot- bzw. floßähnliche Gebilde, die selbst etwas körperhaft Organisches besitzen. Sie sind mit Mischwesen beladen, bestehend aus Mensch- und Tierfragmenten, wobei die Körpervolumina  einer völligen Neukonstruktion unterzogen wurden. Ergänzt werden sie  durch Zeichenhaftes, das sich symbiotisch miteinander zu einer scheinbar untrennbaren Einheit verbindet. Surrealistische Stilprinzipien, d.h. die spielerisch assoziative Zusammenstellung symbolisch aufgeladener Formen werden hier von der Künstlerin auf äußerst eindrucksvolle Weise genutzt. Doch trotz der Verschiedenheit der einzelnen Arbeiten besitzen sie alle sowohl eine äußerst filigrane Struktur als auch eine bewegte Oberflächengestaltung. Darüber hinaus sitzen alle Bronzen auf einer  schmalen Platte, die ihrerseits auf verhältnismäßig dünnen runden Bronzestäben ruht und auf einer Bodenplatte befestigt wurde.  Für die Stäbe fand eine  ausgebebeulte Drahtrolle Verwendung, die, wenn auch nur kleine, dennoch wahrnehmbare Unebenheiten besitzt. Da das Gewicht dieser Arbeit oben lagert und die Objekte auf einem Holzfußboden stehen, bewegen sich die Skulpturen leicht, wenn ein oder mehrere Besucher sich durch den Raum bewegen.

Doch nicht nur die Vielfalt der unterschiedlichen Plastiken innerhalb eines Raumes lässt an eine mehrteilige Installation denken. Es werden zugleich zusätzliche Räume zwischen den Plastiken und dem Betrachter geschaffen, die sich jeweils nach seinem Standortwechsel verändern. Dieser Dynamik, wie sie durch die sich leicht schwingenden Stangen und den sich bewegenden Besucher erzeugt wird, wirkt das  Stangenraster und die vergleichbare Oberflächenstruktur der einzelnen Arbeiten entgegen, womit die Künstlerin die entstandene Unruhe wirkungsvoll wieder zu bändigen versteht und so dem Ganzen einen  spannungsvoll kontemplativen Charakter verleiht.

Bei der zweiten Werkgruppe, deren Arbeiten in den Jahren 2007 bis 2009 entstanden,  handelt es sich um Figuren, die unter dem Thema „Stunde der Dämonen“ zusammengefasst werden können. Jetzt sind es kompaktere Einzelwesen, die noch stärker collagiert sind als die Flussfahrtfigurationen. „ Diese Mischwesen entstehen  aus Einzelmotiven, die mich interessieren. Bei manchem versuche ich nahe an das real Gesehene heranzugehen, bei anderen verwerte ich nur das, was mir für meine Arbeit spannend erscheint“, stellt die Künstlerin hierzu fest.

Doch ob es nun ihre Papiercollagen oder ihre Plastiken sind, letztlich verbindet sich alles miteinander zu einer disharmonisch poetischen Einheit.

Diese treffen wir auch bei ihren Mosaiken an. Diese entstanden seit 1996 im Auftrag und sind ausschließlich  für Kinder im Alter von unter 6 Jahren geschaffen worden. Es handelt sich hierbei um Brunnen, bei denen neben künstlerischen auch praktisch technische Erwägungen zu berücksichtigen waren.  Zum einen musste das Material frostfrei sein und es dürfen keine hohen Wartungskosten anfallen, zum anderen musste es auf Zustimmung der Auftraggeber und Nutzer treffen. Die Künstlerin nutzte das Programm „Fotoshop“ und das Layout- Programm „Inndesign“ hierfür. Sie fertigte ein Tonmodell an, malte es farbig der Mosaikwirkung entsprechend an und stellte es dem Auftraggeber vor. Bei Annahme wurde die Tonfigur im Maßstab gebrannt, der Former goss den Grundkörper in Beton und danach arbeitet die Künstlerin mit Schnittmusterbelägen in Keramik und (italienischem) farbigen Glas. Dabei sind es nonfigurative geometrische Ornamente, die als  Grundmotiv und zugleich als roter Faden für die Gestaltung der Wasserfläche dienten. „Muster machen mich glücklich“ bekennt die Künstlerin und das scheint nicht nur ihr, sondern auch den Nutzern, d. h. den Kindern so zu gehen. Ebenfalls an einem Beispiel soll auf den Grund dafür näher eingegangen werden. So ist ihr Brunnen im Neubaugebiet von Lichtenberg, der 2006 entstand,  dem Thema entsprechend ein Labyrinth,  zugleich eine zu nutzende Abkühlung für die Kinder und darüber hinaus ein schmückendes Ornament.  Das Labyrinth ist aber auch ein Symbol für die Suche nach dem richtigen Weg und ein Kinderspiel. Geometrische Grundformen und darauf abgestimmte Flechtmuster mit räumlichen Perspektiven, die Farben schwarz, weiß und blau sowie kleine Highlights in leuchtenden Farben und Gold  bilden so ein klar strukturiertes und zugleich spannungsvolles Wirkungspotential, das sich allein über das Betrachten und über die  Emotion erschließt. Die Künstlerin stellt in diesem Zusammenhang fest: „So können sich sowohl die direkte Zielgruppe (kleine Kinder) als auch die erwachsenen Passanten im Park angesprochen  fühlen durch das Zusammenspiel von Ordnung, Wiederholung und Akzentuierung, von Form und Farbe und der Möglichkeit immer neue Details zu entdecken.“ Wenn Kerstin Grimm daraus schlussfolgert: „Geometrische Motive sind für Assoziationen offen und bieten ein ästhetisches Vergnügen, das sich nicht abnutzt“  lässt sich diese Behauptung auf ihr gesamtes Werk beziehen, was Sie, meine Damen und Herren, anhand der Werke in unserer Ausstellung an Ort und Stelle selbst überprüfen können.

Prof. Dr. Brigitte Rieger- Jähner, Kuratorin

Eröffnungsrede zum Download als PDF-Datei [ 15 KB ]

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