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“Ich
finde, dass die Schönheit im Leben eine große Rolle spielt“, stellt
die Künstlerin bei meinem letzten Atelierbesuch im August diesen
Jahres fest, als ich mir gerade eine großformatige Zeichnungscollage
zum Thema Kinderspiele von ihr betrachtete. Diese, wie auch
zahlreiche andere ihrer Arbeiten, besitzt nicht nur für mich etwas
wirklich Schönes, sondern auch Besucher unserer Ausstellung
„Unverzichtbar“ blieben vor Bildern von Kerstin Grimm nicht nur
längere Zeit stehen, sondern äußerten sich auch bewundernd über
sie, wobei nicht selten der Begriff des „Schönen“ fiel.
Man glaubt es kaum, aber es scheint, wenn auch in seltenen
Fällen, eine Konsensfähigkeit über Schönheitsvorstellungen zu geben.
Kerstin Grimm führt die Gemeinsamkeit dieses Empfindens auf die
Möglichkeit der Einfühlbarkeit des Betrachters in das jeweilige Werk
zurück, d. h. auf etwas, was über das optisch Identifizierbare
hinausgeht und unser Gefühl nicht nur in positivster Weise
anspricht, sondern auch einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt, bei
dem immer der Rest eines Geheimnisses erhalten bleibt. D. h. es
offenbart sich etwas, nennen wir es vorerst einmal eine
„spannungsvolle Wertigkeit“, die sich nur schwer erklären lässt.
Dennoch möchte ich an einem Werkbeispiel versuchen, diesem Geheimnis
etwas näher zu kommen.
Die bereits erwähnte Arbeit zum Thema Kinderspiele gefiel mir nicht
nur sehr, sie war mir trotz ihrer Rätselhaftigkeit vertraut. Auch
hier wieder spielte die Künstlerin mit dem Bruchstückhaftem, wie es
auch andere Vertreter der Postmoderne tun. Dennoch setzt sie sich
wirkungsvoll von den vielen Unverbindlichkeiten postmoderner Kunst
auch dadurch ab, dass ihr der Dialog zwischen dem Hier und Heute
und vergangener Zeit immer wieder von neuem besonders gut und
facettenreich gelingt.
So erinnerte mich die Kinderdarstellung auf ihrer Collage an die
altdeutsche Malerei des 16. Jahrhunderts, d. h. an Bilder der
Hochrenaissance und insbesondere an einen ihrer bedeutendsten
Vertreter, an Hans Holbein, den Jüngeren. An seinem berühmtesten
Bild, das die „ Madonna des Basler Bürgermeister Jakob Meyer zum
Hasen“ zeigt, malte Holbein 3 Jahre. Auf diesem sehen wir das
Christuskind in den Armen der Maria, umgeben von der Familie des
Bürgermeisters. Doch obwohl es bei Kerstin Grimm als Auslöser für
die eigene Arbeit diente, ist ihr Bild inhaltlich wie formal
grundsätzlich anders. Nicht zuletzt trennen beide Bilder mehr als
500 Jahre voneinander. So ist ihre Collage auch kein Familienbild,
das den Blick wie bei Holbein in einer Dreieckskomposition und
zahlreichen formalen Diagonalbezügen zur thronenden Maria mit dem
Kind lenkt ,in dem Weltlichkeit und Geistlichkeit, Natur und
Interieur miteinander verwoben und zugleich in einem bühnenhaften
Raum symbiotisch miteinander verbunden sind. Vielmehr befindet sich
bei der Arbeit von Kerstin Grimm das Kind auf der linken Bildhälfte
des langen Querformats, aus allen menschlichen und konkret örtlichen
Bezügen herausgelöst, allein, gleichsam ausgesetzt, nur in
körperlicher Nähe zu einem jungen Tier. Aber auch seine Haltung hat
sich im Vergleich zu Holbeins Darstellung grundsätzlich verändert.
Es wurde gedreht und schmiegt sich nicht an die Gottesmutter an,
geborgen in deren schützenden Händen, sondern an einen Flughund. Es
sitzt in einem hellen Tondo und ist nicht mehr nackt, sondern mit
einem roten Kleid und einer schwarzen Mütze bekleidet und auch nicht
wie bei dem Altmeister mit entrücktem Blick dargestellt, sondern es
schaut uns direkt an. Nur noch geborgen in einem hellen Tondo, dass
durch seltsame Zeichen strukturiert ist, ist es zugleich ausgesetzt
in einer schwarzen die gesamte Bildfläche dominierenden Aura. In
dieser ist daneben ein vergleichbar großes Tondo gestellt, in dem
sich nur ein noch kleines schwarzes Oval und ein Stück Goldstruktur
befinden. Ist hier der Hinweis auf eine Restsubstanz des Göttlichen
zu sehen oder ist diese stakkatohaft gesetzte leuchtende wertvolle
Goldfarbe rein aus formalen Gesichtspunkten von Kerstin Grimm
gewählt worden?
Letzteres scheint zuzutreffen, denn die Künstlerin bekannte in
einem Gespräch: „Das rein Formale tut so bedeutungsgeladen und
fügt hinzu: „Wenn man zu viel über eine Arbeit nachdenkt, hemmt das
die Energie. Was ich vorhabe, ändert sich viele Male.“
Doch nicht nur bei diesem Bild, sondern generell sind die
Anregungsfaktoren vielfältig: alte Fotos, die manchmal sogar auf dem
Trödelmarkt von ihr entdeckt werden, Tiere, wie wir sie täglich im
Alltag aber auch im Tierpark sehen, kleine Mädchen auf der Schwelle
zum Erwachsenwerden mit einer untergründig erotischen Note und
immer wieder Kinderdarstellungen der Renaissancemalerei sind es.
Denn gerade diese „Putten und Jesuskinder gucken so wunderbar
wichtig“ stellte die Künstlerin nicht zu unrecht fest.
Alle diese Mischtechniken entstehen im Collageverfahren. D. h., sie
bestehen aus zum Teil auf dem Boden gemalten Zeichnungen. Hierfür
nutzt Kerstin Grimm das Aquarell und die Tusche, das schnell
trocknende Acryl bzw. Kreide und Kohle. Sie schneidet oder reißt
bestimmte Segmente aus den Zeichnungen heraus und tackert sie auf
große an die Wand gestellte Holzhintergründe, die mit Papier
bespannt sind. So entsteht einerseits ein räumlich frei wählbarer
Abstand von der Künstlerin zur Arbeit und andererseits kann die
Stellung der einzelnen Bildelemente solange verändert werden, bis
die Komposition stimmig ist. Farbig satte intensive Flächen, in die
des öfteren auch glänzende Papiere mit einbezogen werden, stehen
dabei neben zarten Bleistiftzeichnungen, Überklebungen von leicht
geknittert strukturierten und übermalten Flächen, neben dem
glatten, zum Teil überzeichnetem Grund. Durch die mehrschichtige
Verleimung, bei der das Papier genässt wird, bilden sich erneut
Knitter, ein Prozess, der nicht steuerbar ist und der Arbeit darüber
hinaus eine reliefhaft dynamische Struktur verleiht.
Nicht zuletzt aus dieser Arbeitsmethode heraus entstehen immer
wieder neue Facetten einer rätselhaften Welt, die den Träumen
vergleichbar, vertraut wie befremdlich zugleich wirken, zu
beängstigen wie zu verzaubern verstehen, eine Idylle nicht zulassen
und dennoch nicht selten von hintergründigem Humor durchdrungen
sind.
Vergleichbares lässt sich für ihre Plastiken feststellen. Auch hier
bildet das Bruchstückhafte den Ausgangspunkt der Arbeit. Diese lässt
sich bei aller Unterschiedlichkeit in zwei Werkgruppen gliedern. So
sind es zum ersten Plastiken zur GROSSEN FLUSSFAHRT“, die während
der Jahre 1989 bis 2009 entstehen und zu denen bereits über 30
Einzelwerke gehören. Bereits der Name FLUSSFAHRT assoziiert sowohl
Inhaltliches als auch Formales, denn eine solche Fahrt findet auf
dem sich bewegenden Wasser, mit Boten, Ladung und Besatzung, statt.
Doch wie kann man einen so vielgestaltigen dynamischen Prozess, dem
stetige Veränderung zu Grunde liegt, in eine plastische Form
umsetzen? Die Vielfalt der facettenreichen „Fahrgemeinschaften“
von Kerstin Grimm gibt uns darauf eine interessante Antwort. So
sehen wir in unserer Ausstellung verschiedenste boot- bzw.
floßähnliche Gebilde, die selbst etwas körperhaft Organisches
besitzen. Sie sind mit Mischwesen beladen, bestehend aus Mensch- und
Tierfragmenten, wobei die Körpervolumina einer völligen
Neukonstruktion unterzogen wurden. Ergänzt werden sie durch
Zeichenhaftes, das sich symbiotisch miteinander zu einer scheinbar
untrennbaren Einheit verbindet. Surrealistische Stilprinzipien, d.h.
die spielerisch assoziative Zusammenstellung symbolisch aufgeladener
Formen werden hier von der Künstlerin auf äußerst eindrucksvolle
Weise genutzt. Doch trotz der Verschiedenheit der einzelnen Arbeiten
besitzen sie alle sowohl eine äußerst filigrane Struktur als auch
eine bewegte Oberflächengestaltung. Darüber hinaus sitzen alle
Bronzen auf einer schmalen Platte, die ihrerseits auf
verhältnismäßig dünnen runden Bronzestäben ruht und auf einer
Bodenplatte befestigt wurde. Für die Stäbe fand eine ausgebebeulte
Drahtrolle Verwendung, die, wenn auch nur kleine, dennoch
wahrnehmbare Unebenheiten besitzt. Da das Gewicht dieser Arbeit oben
lagert und die Objekte auf einem Holzfußboden stehen, bewegen sich
die Skulpturen leicht, wenn ein oder mehrere Besucher sich durch den
Raum bewegen.
Doch nicht nur die Vielfalt der unterschiedlichen Plastiken
innerhalb eines Raumes lässt an eine mehrteilige Installation
denken. Es werden zugleich zusätzliche Räume zwischen den Plastiken
und dem Betrachter geschaffen, die sich jeweils nach seinem
Standortwechsel verändern. Dieser Dynamik, wie sie durch die sich
leicht schwingenden Stangen und den sich bewegenden Besucher erzeugt
wird, wirkt das Stangenraster und die vergleichbare
Oberflächenstruktur der einzelnen Arbeiten entgegen, womit die
Künstlerin die entstandene Unruhe wirkungsvoll wieder zu bändigen
versteht und so dem Ganzen einen spannungsvoll kontemplativen
Charakter verleiht.
Bei der zweiten Werkgruppe, deren Arbeiten in den Jahren 2007 bis
2009 entstanden, handelt es sich um Figuren, die unter dem
Thema „Stunde der Dämonen“ zusammengefasst werden können. Jetzt sind
es kompaktere Einzelwesen, die noch stärker collagiert sind als die
Flussfahrtfigurationen. „ Diese Mischwesen entstehen aus
Einzelmotiven, die mich interessieren. Bei manchem versuche ich nahe
an das real Gesehene heranzugehen, bei anderen verwerte ich nur das,
was mir für meine Arbeit spannend erscheint“, stellt die Künstlerin
hierzu fest.
Doch ob es nun ihre Papiercollagen oder ihre Plastiken sind,
letztlich verbindet sich alles miteinander zu einer disharmonisch
poetischen Einheit.
Diese treffen wir auch bei ihren Mosaiken an. Diese entstanden seit
1996 im Auftrag und sind ausschließlich für Kinder im Alter von
unter 6 Jahren geschaffen worden. Es handelt sich hierbei um
Brunnen, bei denen neben künstlerischen auch praktisch technische
Erwägungen zu berücksichtigen waren. Zum einen musste das Material
frostfrei sein und es dürfen keine hohen Wartungskosten anfallen,
zum anderen musste es auf Zustimmung der Auftraggeber und Nutzer
treffen. Die Künstlerin nutzte das Programm „Fotoshop“ und das
Layout- Programm „Inndesign“ hierfür. Sie fertigte ein Tonmodell an,
malte es farbig der Mosaikwirkung entsprechend an und stellte es dem
Auftraggeber vor. Bei Annahme wurde die Tonfigur im Maßstab
gebrannt, der Former goss den Grundkörper in Beton und danach
arbeitet die Künstlerin mit Schnittmusterbelägen in Keramik und
(italienischem) farbigen Glas. Dabei sind es nonfigurative
geometrische Ornamente, die als Grundmotiv und zugleich als roter
Faden für die Gestaltung der Wasserfläche dienten. „Muster machen
mich glücklich“ bekennt die Künstlerin und das scheint nicht nur
ihr, sondern auch den Nutzern, d. h. den Kindern so zu gehen.
Ebenfalls an einem Beispiel soll auf den Grund dafür näher
eingegangen werden. So ist ihr Brunnen im Neubaugebiet von
Lichtenberg, der 2006 entstand, dem Thema entsprechend ein
Labyrinth, zugleich eine zu nutzende Abkühlung für die Kinder und
darüber hinaus ein schmückendes Ornament. Das Labyrinth ist aber
auch ein Symbol für die Suche nach dem richtigen Weg und ein
Kinderspiel. Geometrische Grundformen und darauf abgestimmte
Flechtmuster mit räumlichen Perspektiven, die Farben schwarz, weiß
und blau sowie kleine Highlights in leuchtenden Farben und Gold
bilden so ein klar strukturiertes und zugleich spannungsvolles
Wirkungspotential, das sich allein über das Betrachten und über die
Emotion erschließt. Die Künstlerin stellt in diesem Zusammenhang
fest: „So können sich sowohl die direkte Zielgruppe (kleine Kinder)
als auch die erwachsenen Passanten im Park angesprochen fühlen
durch das Zusammenspiel von Ordnung, Wiederholung und Akzentuierung,
von Form und Farbe und der Möglichkeit immer neue Details zu
entdecken.“ Wenn Kerstin Grimm daraus schlussfolgert: „Geometrische
Motive sind für Assoziationen offen und bieten ein ästhetisches
Vergnügen, das sich nicht abnutzt“ lässt sich diese Behauptung auf
ihr gesamtes Werk beziehen, was Sie, meine Damen und Herren, anhand
der Werke in unserer Ausstellung an Ort und Stelle selbst überprüfen
können. |