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Visitors, 2008, Gummiball (3), Grabvase, Kabelbinder, Gurt, 264 x 264
x 264 Ø 264 cm, Format variabel,
Ort: Skulpturensommer 2008, Rügen,
Foto: Jörg Schaper, courtesy Galerie Birgit Ostermeier |
Klops - Fahrrad, 2007, Fahrrad, Schlauch,
110 x 70 x 180 cm, Ort: Kunstverein Salzgitter,
Foto: Andreas Schmidt, Kunstsammlung Dresden,
courtesy Galerie Birgit Ostermeier |
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Der Dresdner Bildhauer benutzt für seine Objekte Steckvasen, Schläuche,
Seile, Beton, Acrylat-Dichtmasse, Kunststoffe, Stiefel und andere
Materialien aus dem Baumarkt. Auch Fundstücke finden ab und an Verwendung.
Mit diesen Baustoffen und kunstfremden Dingen baut er seit fast fünf
Jahren mal den Raum ausfüllende oder die Wand und Decke annektierende
Objekte. Sie werden zu befremdlichen Aggregaten und Objekten, die uns
Wesentliches von den Prinzipien der Schwerkraft berichten: Fallen,
Fließen, Stauen, Ausbreiten, Aufsteigen und Verharren. In verschiedenen
Werkgruppen ist der gestalterische Eingriff des Künstlers relativ gering
und für den Betrachter nachvollziehbar. Der technische Prozess wird offen
gelegt: einfachste Steckverbindungen, Stapelprinzipien oder Verschnürungen
belassen die industriellen Formen in ihrem formalen Ausgangs-zustand. |
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Abb. links:
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André Tempel, PARIS, 2010,
gummierte Handschuhe,
Beton; 58 x 40 x 23cm. Foto: André Tempel |
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Leichte Deformierungen der Industriekörper, wie zum Beispiel
Verschnürungen oder die Verbindung mit organoiden Gebilden reichen aus, um
wundersame und aberwitzige Situationen zu erzeugen. Es genügt, die
Steckvasen auf einen aufblasbaren Therapieball zu verpflanzen, schon
entsteht eine Mischform aus makroskopischer Zellstruktur und
außerirdischer Landekapsel zu Wasser. Die ungewohnte Anordnung der
genormten Objekte zueinander, und das damit verbundene Vertreiben des
Pragmatischen aus ihnen, bedingen sogleich deren Ästhetisierung und
visuelle Erhöhung. Ihre künstliche Farbigkeit scheint nicht selten mehr
aus symbolisch-ästhetischen Aspekten, als aus pragmatischen erfunden
worden zu sein. Wer stand nicht schon fasziniert vor dem Gelb oder Rot
eines Kabels, eines Drainagerohres oder eines Gartenschlauchs |
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Visitors IV,
2009, Ball, Grabvasen, Kabelbinder; 3 x 5 x 5 m,
Foto: Sandra Schluck, courtesy Galerie Birgit Ostermeier, Berlin ,
Copyright VG Bild-Kunst, Bonn 2009 |
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und befand das Design einfach als schön. Wer entschied sich nicht schon
beim Kauf eines Produktes für dessen Oberfläche und nicht unbedingt für
dessen „innere“ Leistungsfähigkeit? Wird unsere Konsumwelt des Technischen
nicht hauptsächlich durch einen, fast als dekadent zu bezeichnenden
Ästhetizismus geprägt?
Im Arbeitsprozess des Künstlers werden die
Dinge ihrem, ihnen zugedachten Schicksal von
"Gebrauch-Verschleiß-Entsorgung" entrissen. Sie behalten ihren
Warencharakter, verlieren jedoch ihren Gebrauchseigenschaften und
gewinnen neue, ästhetische formale Eigenschaften, die für den Künstler als
„Teil für ein Ganzes“ interessant sind. Der Konsumkreislauf ist in dieser
Richtung unterbrochen, doch der Künstler muss auch für diese Ware zahlen.
Dem Produzenten ist es schließlich egal, wofür der Konsument ein Produkt
nutzt, Hauptsache er konsumiert.
In anderen Werkgruppen sind die Spuren von radikalen
Formveränderungen sichtbar. Sie werden als „Materialverletzungen“ und
traditionelle plastische Prozesse des Formens wieder erkannt und wirken
auf uns vielleicht sogar, im Vergleich zu den sachlich-lapidaren Objekten,
expressiv und lassen Assoziationen aufkommen. Sie haben etwas Narratives
an sich, das wir in den anderen Objekten nicht so wahrnehmen. Wenn der
Künstler zum Beispiel eine Holzscheibe durchstößt oder Stiele eines
Werkzeuges zerbricht, diese in ein seltsames Objekt, das wiederum mit
einem leuchtenden Kunststoffseil umwickelt wurde, steckt und das Ganze
noch mit einem glänzenden Ring versieht, beginnt ein Davor und ein Danach
einer Handlung zu entstehen, deren Auswirkung wir im Objekt erkennen. Auch
durchlöcherte Stiefelpaare, aus denen Beton quillt, oder
surreal-aberwitzige Kombinationen von Rollen und
Stiefeln, Stangen mit Griffen,
die im leuchtend roten Betonklumpen stecken oder mit Garn umwickelte
Scherenobjekte zeugen von einer aufgewandten Kraft, die noch zu spüren ist
und geronnen den Raum ausfüllt. Das phallusähnliche Gebilde „Paris“ ist
ein ästhetischer Zwitter. Es besteht aus Beton, traditionell geformt mit
den Händen, und versehen mit einem Paar grell leuchtenden, orangenen
Arbeitshandschuhen. |
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Minimalinvasion 2, 2007, Werkzeugkasten, Gummischlauch, Beton, Höhe
variabel x 58 x 60 cm,
Ort: Kunsthalle Bergen, Norwegen, Foto: Viktoria Binschtok, courtesy
Galerie Birgit Ostermeier |
BB 4, 2006, Grabvasen, Schrauben, Gefäße,
Schläuche, Lack, 300 x 100 x 184cm,
Ort: Kunsthalle Bergen, Norwegen, Foto: Viktoria Binschtok, courtesy
Galerie Birgit Ostermeier |
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Der
Künstler wählt diese oder jene Strategie, bleibt dabei ein Fabulierer und
ist zugleich ein präzise Arbeitender, den die Dingwelt der Kunststoffe und
–farben fasziniert. Die Fertigung von Stiefeln, Schläuchen, Behältern und
Werkzeugen, ihre damit verbundene unpersönliche, zu meist hoch
ästhetische Ausstrahlung und ihr funktionales Design, sind für unsere
Lebensumwelt selbstverständlich. Die Dinge werden gekauft und verbraucht.
Ist der Lack von ihnen ab, sind sie unansehnlich und zu nichts mehr nütze.
Sie werden entsorgt und Neues muss her. Indem er sie in einen Kunstkontext
bettet, entfalten sie eine exotische Fremdheit – dennoch werden sie
natürlich von uns „erkannt“ und in Hinsicht auf ihren eigentlichen,
pragmatisch gedachten Funktionssinn geistig einsortiert. Diese Diskrepanz
zwischen Alltagserfahrung/Erwartung/Gewohnheit, ästhetischem Eigenverweis
und „pragmatischer Sinnlosigkeit“ bringen die Kunstwerke in die Position
von Außenseitern, von denen wir auf unsere eigene Dingwelt schauen können.
Es geht hier nicht um seelische Prozesse, um Unbewusstes in der
kollektiven Psyche oder um die Fortschreibung eines Mythos vom
ganzheitlichen Mensch-Sein. Eher lenken diese Arbeiten unsere Blicke auf
die immer sich weiter differenzierende Gestaltung von Nutzgegenständen und
auf ihre Außenwirkung: Unser Sehen wird verunsichert, gewissermaßen
dekonstruiert. Aus dem Künstler, der über Jahrhunderte aus edlem Material
oder aus einem Haufen Gips einen Menschen formte und später in der Moderne
mit „armen Materialien“ und Fundstücken hantierte, wird jetzt ein Tüftler
und Bastler, gleich einem Kind, welches den Klammerkorb plündert, Türme
und Schlangen fabriziert oder aus dem Joghurtbecher eine Raumstation baut.
Die
Objekte von André Tempel können auf Zeit im Kunst- oder Stadtraum als
installative Interventionen stranden oder zu ortlosen Kunstobjekten
werden. Nun entfalten sie in einer dysfunktionalen Ordnung ihre
Eigenheiten, die so nicht konzipiert waren, aber als ästhetische Potenz in
ihnen schlummern. Jetzt kann der Betrachter mit seinen Projektionen
beginnen oder die Objekte auf ihre Einzelteile hin optisch zerlegen. In
den vorgestellten Zeichnungen konzentriert er sich auf vier Motivgruppen:
Männer, Frauen, Paare, Gesichter. Als Vorbild dienen ihm nicht selten
Bilder, die er im Internet oder in Zeitungen fand. Egal wie – die
Arbeiten von ihm bleiben ob ihrer Klarheit fesselnd und in ihrer
Dinghaftigkeit rätselvoll. Sie bannen das Schöne und das interesselose
Wohlgefallen. |
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Text / Kurator: Armin
Hauer |
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