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PACKHOF DES MUSEUMS
Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Str.11
11.07.2010 - 19.09.2010

ANDRÉ TEMPEL (1970), DRESDEN
TUTEN UND BLASEN
INSTALLATION    ZEICHNUNGEN

zur Biografie

zur Biografie von André Tempel

zur Biografie


Visitors, 2008, Gummiball (3), Grabvase, Kabelbinder, Gurt, 264 x 264 x 264 Ø 264 cm, Format variabel,
Ort: Skulpturensommer 2008, Rügen,
Foto: Jörg Schaper, courtesy Galerie Birgit Ostermeier

Klops - Fahrrad, 2007, Fahrrad, Schlauch,
110 x 70 x 180 cm, Ort: Kunstverein Salzgitter,
Foto: Andreas Schmidt, Kunstsammlung Dresden,
courtesy Galerie Birgit Ostermeier

Der Dresdner Bildhauer  benutzt für seine Objekte Steckvasen, Schläuche, Seile, Beton, Acrylat-Dichtmasse, Kunststoffe, Stiefel und andere Materialien aus dem Baumarkt. Auch Fundstücke finden ab und an Verwendung. Mit diesen Baustoffen und kunstfremden Dingen baut er seit fast fünf Jahren mal den Raum ausfüllende oder die Wand und Decke annektierende Objekte. Sie werden zu befremdlichen Aggregaten und Objekten, die uns Wesentliches von den Prinzipien der Schwerkraft berichten: Fallen, Fließen, Stauen, Ausbreiten, Aufsteigen und Verharren. In verschiedenen Werkgruppen ist der gestalterische Eingriff des Künstlers relativ gering und für den Betrachter nachvollziehbar. Der technische Prozess wird offen gelegt: einfachste Steckverbindungen, Stapelprinzipien oder Verschnürungen belassen die industriellen Formen in ihrem formalen Ausgangs-zustand.

Abb. links:

André Tempel, PARIS, 2010, gummierte Handschuhe,
Beton; 58 x 40 x 23cm. Foto: André Tempel

Leichte Deformierungen der Industriekörper, wie zum Beispiel Verschnürungen oder die Verbindung mit organoiden Gebilden reichen aus, um wundersame und aberwitzige Situationen zu erzeugen. Es genügt, die Steckvasen auf einen aufblasbaren Therapieball zu verpflanzen, schon entsteht eine Mischform aus makroskopischer Zellstruktur und außerirdischer Landekapsel zu Wasser. Die ungewohnte Anordnung der genormten Objekte zueinander, und das damit verbundene Vertreiben des Pragmatischen aus ihnen, bedingen sogleich deren Ästhetisierung und visuelle Erhöhung. Ihre künstliche Farbigkeit scheint nicht selten mehr aus symbolisch-ästhetischen Aspekten, als aus pragmatischen erfunden worden zu sein. Wer stand nicht schon fasziniert vor dem Gelb oder Rot eines Kabels, eines Drainagerohres oder eines Gartenschlauchs

Visitors IV, 2009, Ball, Grabvasen, Kabelbinder; 3 x 5 x 5 m,
Foto: Sandra Schluck, courtesy Galerie Birgit Ostermeier, Berlin , Copyright VG Bild-Kunst, Bonn 2009

und befand das Design einfach als schön. Wer entschied sich nicht schon beim Kauf eines Produktes für dessen Oberfläche und nicht unbedingt für dessen „innere“ Leistungsfähigkeit? Wird unsere Konsumwelt des Technischen nicht hauptsächlich durch einen, fast als dekadent zu bezeichnenden Ästhetizismus geprägt? Im Arbeitsprozess  des Künstlers werden die Dinge ihrem, ihnen zugedachten Schicksal von "Gebrauch-Verschleiß-Entsorgung" entrissen. Sie behalten ihren  Warencharakter, verlieren jedoch ihren  Gebrauchseigenschaften und  gewinnen neue, ästhetische formale Eigenschaften, die für den Künstler als „Teil für ein Ganzes“ interessant sind. Der Konsumkreislauf ist in dieser Richtung unterbrochen, doch der Künstler muss auch für diese Ware zahlen. Dem Produzenten ist es schließlich egal, wofür der Konsument ein Produkt nutzt, Hauptsache er konsumiert.
In anderen Werkgruppen sind die Spuren von radikalen Formveränderungen sichtbar. Sie werden als „Materialverletzungen“ und traditionelle plastische Prozesse des Formens wieder erkannt  und wirken auf uns vielleicht sogar, im Vergleich zu den sachlich-lapidaren Objekten, expressiv und lassen Assoziationen aufkommen. Sie haben etwas Narratives an sich, das wir in den anderen Objekten nicht so wahrnehmen. Wenn  der Künstler zum Beispiel eine Holzscheibe durchstößt oder Stiele eines Werkzeuges zerbricht, diese in ein seltsames Objekt, das wiederum mit einem leuchtenden Kunststoffseil umwickelt wurde, steckt und das Ganze noch mit einem glänzenden Ring versieht, beginnt ein Davor und ein Danach einer Handlung zu entstehen, deren Auswirkung wir im Objekt erkennen. Auch durchlöcherte Stiefelpaare, aus denen Beton quillt, oder surreal-aberwitzige Kombinationen von Rollen und Stiefeln, Stangen mit Griffen, die im leuchtend roten Betonklumpen stecken oder mit Garn umwickelte Scherenobjekte zeugen von einer aufgewandten Kraft, die noch zu spüren ist und geronnen den Raum ausfüllt. Das phallusähnliche Gebilde „Paris“ ist ein ästhetischer Zwitter. Es besteht aus Beton, traditionell geformt mit den Händen, und versehen mit einem Paar grell leuchtenden, orangenen Arbeitshandschuhen. 

Minimalinvasion 2, 2007, Werkzeugkasten, Gummischlauch, Beton, Höhe variabel x 58 x 60 cm,
Ort: Kunsthalle Bergen, Norwegen, Foto: Viktoria Binschtok, courtesy Galerie Birgit Ostermeier

BB 4, 2006, Grabvasen, Schrauben, Gefäße,
Schläuche, Lack, 300 x 100 x 184cm,
Ort: Kunsthalle Bergen, Norwegen, Foto: Viktoria Binschtok, courtesy Galerie Birgit Ostermeier

Der Künstler wählt diese oder jene Strategie, bleibt dabei ein Fabulierer und ist zugleich ein präzise Arbeitender, den die Dingwelt der Kunststoffe und –farben fasziniert. Die Fertigung von Stiefeln, Schläuchen, Behältern und Werkzeugen, ihre damit verbundene unpersönliche, zu meist hoch ästhetische  Ausstrahlung und ihr funktionales Design, sind für unsere Lebensumwelt selbstverständlich. Die Dinge werden gekauft und verbraucht. Ist der Lack von ihnen ab, sind sie unansehnlich und zu nichts mehr nütze. Sie werden entsorgt und Neues muss her. Indem er sie in einen Kunstkontext bettet,  entfalten sie eine exotische Fremdheit – dennoch werden sie natürlich von uns „erkannt“ und  in Hinsicht auf ihren eigentlichen, pragmatisch gedachten Funktionssinn geistig einsortiert. Diese Diskrepanz zwischen Alltagserfahrung/Erwartung/Gewohnheit, ästhetischem Eigenverweis und „pragmatischer Sinnlosigkeit“ bringen die Kunstwerke in die Position von Außenseitern, von denen wir auf unsere eigene Dingwelt schauen können. Es geht hier  nicht um seelische Prozesse, um Unbewusstes in der kollektiven Psyche oder um die Fortschreibung eines Mythos vom ganzheitlichen Mensch-Sein. Eher lenken diese Arbeiten unsere Blicke auf die immer sich weiter differenzierende Gestaltung von Nutzgegenständen und auf ihre Außenwirkung: Unser Sehen wird verunsichert, gewissermaßen dekonstruiert. Aus dem Künstler,  der über Jahrhunderte aus edlem Material oder aus einem Haufen Gips einen Menschen formte und später in der Moderne mit „armen Materialien“ und Fundstücken hantierte, wird jetzt ein Tüftler und Bastler, gleich einem Kind, welches den Klammerkorb plündert, Türme und Schlangen fabriziert oder aus dem Joghurtbecher eine Raumstation baut.
Die Objekte von André Tempel können auf Zeit im Kunst- oder Stadtraum als installative Interventionen stranden oder zu ortlosen Kunstobjekten werden. Nun entfalten sie in einer dysfunktionalen Ordnung ihre Eigenheiten, die so nicht konzipiert waren, aber als ästhetische Potenz in ihnen schlummern. Jetzt kann der Betrachter mit seinen Projektionen beginnen oder die Objekte auf ihre Einzelteile hin optisch zerlegen. In den  vorgestellten Zeichnungen konzentriert er sich auf vier Motivgruppen: Männer, Frauen, Paare, Gesichter. Als Vorbild dienen ihm nicht selten Bilder, die er im Internet oder in Zeitungen fand.  Egal wie – die Arbeiten von ihm bleiben ob  ihrer Klarheit fesselnd und in ihrer Dinghaftigkeit rätselvoll. Sie bannen das Schöne und das interesselose Wohlgefallen.

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Text / Kurator: Armin Hauer


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Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag  von 11.00 bis 17.00 Uhr

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