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Ein Virus im Theater

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Performance der Gruppe "Sędzia Główny" im Kontext der Aufführung "Magnetismus der Herzen" im Warschauer Teatr Rozmaitości
 

In letzter Zeit ist zu beobachten, dass Künstler aus dem Bereich der visuellen Künste einen Übergang  hin zu „stärkeren” Formen der Kultur vollziehen. Diesem Trend folgen der Spielfilm von Piotr Uklański, die Opernexperimente von Katarzyna Kozyra, die literarische Suche von Zbigniew Libera und Dokumentarfilme von Artur Żmijewski. Auslöser für diesen Prozess sind die Enttäuschung der Künstler selbst über die permanente Marginalisierung der Kunst ebenso wie der Wunsch, die eigenen Werke in einen breiteren gesellschaftlichen Rahmen zu überführen, der Wunsch nach Anerkennung und Teilnahme an einem breiteren, die Kultur gestaltenden, Dialog.
Zu unterstreichen ist, dass die Künstler im Zuge ihrer interdisziplinären Wanderungen auf subversive Art und Weise den Diskurs der modernen Kunst, der sie entstammen,  aktualisieren, umgeben von für sie neuen „Sprachen“ der Kultur, die sie annehmen. Diese Situation scheint für alle Teilnehmer dieses Austausches befruchtend zu sein.

Die im konzeptuellen Diskurs verwurzelte und an „New Wave” orientierte Einstellung, dass es darum geht, Bedingungen der Kunst bewusst zu machen – wie Überlegungen zu Rolle des Künstlers, der Institution, des Mediums, der Vorstellung und Ästhetik usw. -, das heißt,  eine zu Zeiten übertriebene Nabelschau und Selbstkritik (die dem Wesen nach an perversen Narzissmus grenzt)  befindet sich im starken Kontrast zu anderen „unbewussteren“ Disziplinen der Kultur, die – wie z.B. Film und Theater - in Polen nie die sog. „Neue Welle“ erlebt haben.
Alle stärker autoreflexiven Strömungen in der polnischen Kinematographie  (der Casus der Werkstatt der Filmform (Warsztat Formy Filmowej) wurden sofort aus der Domäne des Kinos ausgeschlossen, mit dem Bann belegt und in den Bereich der darstellenden Kunst abgeschoben (d.h. de facto marginalisiert). Ähnliches geschah den zarten Pflänzchen meta-künstlerischer Experimente im Theater (z.B. der frühen Bewegungsakademie (Akademia Ruchu)). Diese Situation nahm Einfluss auf das ungeheuer kreative Ferment in der polnischen Kunst der siebziger Jahre, deren Effekte wir bis heute sehen (und nutzen). Negativ ausgewirkt hat sich das auf die Verfassung des polnischen Theaters und Kinos, die in Polen eine dauerhafte „Schaffenskrise“ zu durchleben scheinen. Eine Ausnahme macht hier das Teatr Rozmaitości.

Die letzte Performance "Ein Virus im Theater" der Künstlergruppe „Sędzia Główny“ (Hauptkampfrichter) mit Karolina Wiktor und Aleksandra Kubiak im Teatr Rozmaitości im Rahmen eines sehr interessanten Kuratorenprojektes „Aktionen” von Joanna Warsza bestand in der interdisziplinären Konfrontation zwischen Kunst und Theater innerhalb einer Aufführung. Diese Aktion ordnet sich  hervorragend in die eingangs beschriebene Tendenz ein.

Der Namen gebende „Virus” äußerte sich darin, dass die Künstlerinnen auf verschiedene Art und Weise die Sonnabendvorstellung (11.02.2006) des Stückes „Magnetismus der Herzen“ nach „ Mädchenschwüre“ von Aleksander Fredro auf der Bühne des Teatr Rozmaitości „verseuchten”.
Der Regisseur,  Grzegorz Jarzyna (Pseudonym S. Torsh) stimmte der Destruktion der eigenen Vorstellung zu (was Krzysztof Warlikowski sicher nie getan hätte). Die Schauspieler Maja Ostaszewska, Magdalena Cielecka, Redbad Klynstra, Mirosław Zbrojewicz, Mariusz Benoit, Cezary Rosiński waren von dem Experiment in Kenntnis gesetzt und versuchten, wie ein Organismus, der sich gegen die Infektion wehrt,  die Unversehrtheit des Stückes zu beschützen. Den Künstlerinnen gelang es eine ungewöhnliche Situation des Kampfes zwischen Performance und Theater zu schaffen.

Bereits vor Betreten des Zuschauerraumes konnten die Besucher eine Performance von „Sędzia Główny” sehen, während der beide Frauen (nur in Dessous) vor Spiegeln saßen, die Köpfe kahl geschorenen und Make-up aufgelegt bekamen. Dabei hielten sie die ganze Zeit zwei wunderbar geschorene, reinrassige Riesenpudel an der Leine. (Diese Etappe kann man als Weiterentwicklung früherer feministischer Performance-Aktionen charakterisieren, die in subversiver Überidentifikation mit den in der Kultur dominierenden Mechanismen, die Frauen als Objekt behandeln, besteht.) Frisur und Kosmetik fanden ihren Abschluss darin, dass Karolina Wiktor und Aleksandra Kubiak Perücken aufsetzen und schwarze stilvolle Kleider anlegten und demonstrativ mit den an der Leine gehaltenen Pudeln die Bühne betraten.
Auf der Bühne lief die gesamte Zeit über die Vorstellung und die Schauspieler spielten so, als ob sie die Intervention der Künstlerinnen (die zwischen ihnen hindurchspazierten) nicht bemerken würden. Wie bereits früher festgelegt worden war, wurden die Zuschauer gebeten, den Performance-Künstlerinnen mit Hilfe des im Saal befindlichen Mikrofons Befehle zu geben.

Das Publikum befand sich plötzlich in einer für es untypischen Situation, Macht ausüben zu können und produzierte eine Reihe von Befehlen - von einfältig bis reizvoll. Zum Beispiel wurde eine Künstlerin gebeten, den Haupthelden des Stückes  (gespielt von Redbad Klynstra) zu verführen, rannte ihm über die Bühne nach bis die Jagd in seinen Armen auf dem Sofa endete. Nach einem erzwungenen Kuss (der einer Vergewaltigung glich) kehrte der von Redbad gespielte Held in seine Rolle des im Zwiespalt befindlichen Geliebten aus dem Stück von Fredro zurück.  Eine weitere Bitte bestand darin, den die gesamte Zeit auf der Bühne spielenden Schauspielern (die sich mühten, den Eingriff der Künstlerinnen nicht zu beachten) die Schuhe auszuziehen. Dabei versprach sich der Zuschauer beim Formulieren der Aufforderung noch und sagte: „Bitte ziehen Sie den Schuhen die Schauspieler aus!”, was zusätzlich Lachsalven im Saal erzeugte. Eine weitere Bitte war, dass die Künstlerinnen neben den Schauspielern auf der Bühne jede ihrer Bewegungen und Äußerungen wiederholen sollten. Der radikalste Wunsch aus dem Saal beinhaltete, dass die Künstlerinnen der Gruppe "S.G." die Schauspieler von der Bühne in den Zuschauersaal bringen sollten und die Zuschauer auf die Bühne. Das brachte die Vorstellung für kurze Zeit zum Erliegen (es schien, das Virus sei tödlich für die Vorstellung). Einem weiteren Wunsch aus dem Publikum nach sollten die Zuschauer auf der Bühne die Funktion der Schauspieler übernehmen, was zwar nur mit denkbar schlechtem Erfolg gelang. Zu den bravourösen Leistungen sind die äquilibristischen Tänze des bekannten Warschauer Dichters Jarosław Lipszyc mit einem der Pudel zu zählen wie auch mein Verspeisen von Kuchen. Dabei handelte es sich eigentlich um eine Requisite, die Eigentum der von Benoit gespielten Figur war (was den Schauspieler selbst angeblich mächtig geärgert hat). Zum Glück entlud sich die Spannung mit dem nächsten Wunsch, durch den die Zuschauer die Bühne zu verlassen und die Schauspieler auf sie zurückzukehren hatten. Die Schauspieler setzten das Stück fort, trotzdem wuchs die Anspannung zwischen ihnen und den Performance-Künstlerinnen, die weiterhin versuchten zu stören und das Stück zu infizieren. Im weiteren Verlauf änderten die Schauspieler, die sich in einer höchst unbequemen Situation befanden und immer neuen Störungen ausgesetzt waren, mehrfach selbst den Verlauf des Stückes: z.B. erklärte Maja Ostaszewska, der die Lust zum Weiterspielen vergangen war, den Schauspielern und dem Publikum "machen wir Schluss mit der Szene" und unterbrach ihr Spiel; in einem anderen Moment verließ Mariusz Benoit demonstrativ die Bühne in einem Augenblick besonderer Anspannung. Trotz dieser kurzzeitigen Anfechtungen (die Schauspieler schwankten, ob sie weiter spielen oder das Stück demonstrativ beenden sollten) setzten sie heroisch ihr Spiel fort und ignorierten das Tun der Performance-Künstlerinnen, die dadurch einen besonderen Status gewannen: Sichtbar fürs Publikum waren sie für die Schauspieler, denen sie zusetzten, quasi unsichtbar. Die Kulmination erfolgte, als Karolina Wiktor, vom Publikum aufgefordert den am Tisch sitzenden Schauspielern Wein einzuschenken, durch einen der Schauspieler (Benoit) in einer blitzschnellen Aktion heftig weggestoßen wurde, wozu er nicht einmal sein Spiel unterbrach. Danach erklärte die Künstlerin, dass sie diese Aktion abbricht, weil sie Angst hat, auf die Bühne zurückzugehen. Dies war auch das Ende des "Virus" (am Ende hat sich der Organismus gegen den Infekt gewehrt). Das Bewusstsein des Sieges und der plötzlichen Befreiung von den Parasiten bewirkte, dass das Stück an Tempo gewann. Sein Schluss war großartig. Den Schauspielern gelang es, einen Raum (voller sinnlicher Reize) für eine immersive Theatererfahrung zu schaffen.

Abschließend ist zu unterstreichen, dass die Künstlerinnen der Gruppe „Sędzia Główny” und das Ensemble des Teatr Rozmaitości zwei ungewöhnliche Stunden mit  Performance und Theater geschaffen haben – eine einmalige Laborsituation, ungewöhnlich energiegeladen, voller intensiver Spannungen  und Verwerfungen in verschiedenen künstlerischen Diskursen, mit dramatischen Richtungswechseln.  Die gesamte Aktion oszillierte zwischen starken imaginativen theatralischen Tricks voller sinnlicher, immersiver Annehmlichkeiten  (unterstützt durch Illusion, Vorstellung, Narration usw.) und Distanz im Brechtschen Sinne stiftenden (interaktiven, partizipativen, minimalistischen, rationalen) Aktionen der Gruppe "Sędzia Główny". Die Intervention der Performance-Künstlerinnen in das Stück zeigte sowohl seine Konventionalität (Inszenierung und Schauspiel),  hob aber auch seine progressiven Elemente hervor (ästhetisch und konzeptionell). Die Gesamtheit dieses Ereignisses war für mich eine der stärksten ästhetischen Erfahrungen der letzten Zeit.

"Virus" in der Ausführung der Gruppe Sędzia Główny ist ein sehr gelungenes Beispiel, das zeigt, wie dringend nötig heute künstlerische Ereignisse sind, die die Selbstsucht der Kunst durchbrechen, sich auf die Suche nach neuen Verbindungen, nach neuen und interdisziplinären Funktionsweisen in der Kultur, in der Gesellschaft konzentrieren. Die beiden Performance-Künstlerinnen greifen - wie die von mir eingangs genannten Künstler - nach sehr exponierten und kulturell dominierenden Medien, beginnen mit ihnen zu flirten, suchen nach neuen Arten der künstlerischen Kommunikation, des Dialoges zwischen den Vertretern verschiedener Disziplinen und Branchen der Kultur. Zu sagen bliebe, dass das Eindringen des "Virus" in das Stück mit Zustimmung beider Seiten geschah und nicht aus dem Hinterhalt erfolgte.  [14.02.2006]

Łukasz Ronduda  |  Fotos: Mikołaj Długosz

Aktion der Gruppe "Sędzia Główny" im Kontext des Stückes „Magnetismus der Herzen" im  Teatr Rozmaitości, Warschau 11.02.2006.

 

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