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In den letzten Jahren ist in der Kunst ein
Trend zum großen Ölbild zu beobachten. In diesem Kontext,
insbesondere im Leipziger, fallen schon rein formal und technisch
gesehen die Zeichnungen von Christian Weihrauch aus dem Mainstream heraus.
Sie könnten leicht im Bilderreigen großer Gesten untergehen, denn sie sind
kleinformatig und fordern zum intensiven Sehen auf. Dabei offenbart er
sich uns als ein fabulierender Zeichner, der sich
auf ein Abenteuer einlässt, wenn er mit dem Setzen der ersten Striche
beginnt und dem Assoziieren wohlwollend, aber nicht ungezügelt freien Lauf
lässt. Der zum Teil langwierige Arbeitsprozess fördert aus den
Tiefen des ikonografischen Unbewussten poetische Sinnbilder hervor.
Der Titel der Ausstellung „Vagabunden“ mutet ein wenig romantisierend an,
denn die Herumtreiber, oder das Fahrende Volk sind in unserem
Gedächtnis als arme aber freie Menschen verankert, die außerhalb der
sozialen Ordnung leben, keine feste Bleibe aufweisen und sich mittels
krimineller Handlungen, Tricks, Kunststücke und einer rabiaten Schläue
durchs Leben schlagen - die von uns gefürchtet und bewundert wird. |
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Schule,
2008, Farbstifte auf Karton;
33,5 x 48 cm, Repro/Scan: Scancolor
Leipzig, Privatsammlung Hamburg |
Trost,
2008, Farbstifte auf Papier,
27 x 24 cm |
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Doch das ist schon eine, die Zustände
verklärende Projektion auf Menschen, die aus dem gesellschaftlichen
Kontext herausgefallen sind, verarmt und obdachlos am Rande der
sozialen Ordnung leben - und das seit Jahrhunderten und
weltweit. In Wirklichkeit sind sie als nutzlose Herumtreiber, als Gefahr
für Moral und Ordnung stigmatisiert. Ihre Existenz ist in unserem
Gedächtnis irgendwo in der Zeit der Vormoderne angesiedelt. In der
Literatur und in der Malerei fanden sie als Kunstfiguren in der
beginnenden Moderne und in der Romantik ihr ästhetisches Zuhause, um
den Blick von außen auf das Leben der gesellschaftlichen Ordnung zu
werfen. In der Kunst wird der Vagabund zu einem kritischen und
moralisierenden Korrektiv auf die unzulänglichen sozialen,
ökonomischen, politischen und ethischen Zustände der Zeit. Der
heutige, sozial Geächtete und der Asylsuchende haben ihre Aura
des Ungebundenen und des befreienden Unbehaustseins in unserer Vorstellung
eingebüßt. Die Obdachlosen in den Städten verbinden wir nicht mehr mit der
poetischen Metaphorik vom verwegenen Vogelfreien, der
von Ort zu Ort zieht und den gesellschaftlichen Zwängen Adieu sagt.
Doch dagegen die, vom Freiheitsdrang unruhig getriebene
„Kunst-Figur“: seit Jahrzehnten finden wir sie wieder im „einsamen
Steppenwolf“ der Roadmovies, ihr hören wir in den Songs des
Rock&Pop zu, von ihr lesen wir in den Bestsellern und ihr
begegnen wir in den Fantasyfilmen. |
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Brille, 2007,
Farbstifte auf Papier,
23,0 x 15,5 cm |
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In seinen
subtilen Blättern ersteht die metaphorische Gestalt des „Vogelfreien“. Sie
nimmt das Wesen eines melancholischen Wanderers zwischen den
Malerei-Welten an, sie wird zum Phönix, zur Tagesmutter und zum Zeitgenossen, der eifrig seiner
Tätigkeit nachgeht oder sich irgendwo in die Kindheit zurück katapultiert,
dorthin, wo das Paradies noch nicht so zugige Ein- und Ausgänge aufweist;
zumindest in der Erinnerung erscheinen die Kindertage in diesem Licht. Seine
Schöpfungen durchstreifen zu Fuß oder per Rad und Moped die Weltlandschaften,
deren blaue Himmel mit hellen Bergkuppen verstellt sind. Oder der Einsame
befindet sich im verwurzelten und veräderten Traumtableau wieder, das unseres
einfühlsamen und wissenden, zugleich unvoreingenommenen Sehens bedarf, um in
seiner überbordenden Fülle an Realitäts- und Personalfragmenten die Gesichter,
Stimmen und das Raunen einer in sich geschlossenen Welt wahrzunehmen. Dabei
ergibt sich kein gerader Erzählstrang. Vieles geht ineinander über, verwandelt
sich allmählich in eine andere Zeit- und Dingebene. Die Handlungen werden
angedeutet und laufen in paradoxen Gebärden oder in enigmatischen
Konstellationen aus. Das Dargestellte gibt sich, als wenn es schon einmal
irgendwo zu sehen war, zum Beispiel in den Malereien der Italiener und der
Niederländer des 15. und des 16. Jahrhunderts, in Filmen und in Illustrationen.
Zumindest haben wir oft das Gefühl, dieses oder jenes Detail schon einmal in
einem anderen Zusammenhang so oder so ähnlich wahrgenommen zu haben, sei es eine
Fassade einer Eigenheimsiedlung, eine spätmittelalterliche Büßerlandschaft, eine
Tischgesellschaft oder eine Körperhaltung eines Halbnackten, die wiederum,
gleich einem Dejàvu an einen Knecht aus einer italienischen Kreuzigungsszene der
Frührenaissance denken lässt. Wie in einem Palimpsest überlagern sich dort
Bedeutungsebenen und Bildgespinnste, die an gutmeinende, aber nicht mehr zu
beherrschende Träume erinnern. Einige seiner Titel, wie etwa die „Lampe“
(2008), bezeugen die phantastischen Metamorphosen innerhalb des Floralen,
Anthropomorphen und des Urbanen. Die Bezeichnung anderer Blätter
wiederum verschweigen das zu Sehende, zum Beispiel die „Lederjacke“
(2007). |
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Christian Weihrauch (1966),
Teppich, 2010 |
Lederjacke, 2007,
Farbstifte auf Papier,
48,0 x 41,5 cm |
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Innerhalb
dieses Bekleidungsstückes laufen turbulente Aktionen ab:
Fahnenschwenker und hemdsärmlige Männer, in den Posen des Schlagens und
des Demonstrierens, sind in den Trachten des frühen 19. Jahrhunderts
gewandet. Sie bilden eine Protest- und Aufruhrmasse. Die
„Revolte in der Jacke“ wird gebannt durch die Silhouette des
Bekleidungsstückes aus Leder, welches wiederum als Kultbekleidungsstück
aufmüpfiger Jugendlicher nach dem 2. Weltkrieg gegen die „Alten“ und gegen
das kleinbürgerliche System gelten kann. Ein anderes Bekleidungsstück, das
nicht immer für die Mitmenschen sichtbar ist, die Unterhose, bildet den
Fond für das Bild „Schule“ aus dem Jahr 2008. Hier läuft eine
abenteuerliche, halb bekleidete Männergestalt mit Strohhut vor einer
Häuserlandschaft, mit Einblick in ein quirliges Treiben, von links nach
rechts. Sie wirkt, als wenn sie sich vor einer filmartigen
Erinnerungslandschaft aufhält und ihr entfliehen will. |
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Das Dorf, 2008,
Farbstifte auf Papier, 118 x 135 cm |
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Sein Hineinzeichnen in Darstellungen von Lampen, Gläsern, Architekturen und auf
die zweite Haut des Menschen, auf seine Bekleidungsstücke, erinnert an Tattoos.
Denn auch bei ihnen ist der Bildträger mobil und setzt rein formal
gesehen, bildnerische Grenzen. In allen Blättern ist eine Diskrepanz
zwischen dem surrealen Durchdringen, dem Neben- und Übereinander von
Motiven und dem diszipliniert geordneten Setzen diffizilster
Schraffuren und Strichlagen zu erleben. Die dabei von ihm verwendeten
farbigen Stifte bedingen eine pastellhafte Sanftheit, die vom
Braunerdigen bis zum Regenbogenspektrum oszilliert. Das Weiß des Blattes
ist ein ort- und zeitloses Terrain, das gleichsam, indem es sich
ausbreiten würde, das grafische Gebilde überblenden könnte.
So
wird es zu einem subtilen Memento mori, zu einem
Innehalten, um die fragilen |
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Konstellationen auch als solche des gefährdeten Augenblicks zu
würdigen. Wenn es in seinem bisherigen Werk eine narrative Logik gibt,
dann ist es die der unvorhersehbaren Metamorphosen und die
des sich bedingenden logisch Zufallhaften. Der
Grundtenor ist vielleicht mit einem Hauch von romantisierender Melancholie
durchwoben. |
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Text / Kurator: Armin
Hauer |
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