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In den letzten Jahren ist in der Kunst ein
Trend zum großen Ölbild zu beobachten. In diesem Kontext,
insbesondere im Leipziger, fallen schon rein formal und technisch gesehen
die Zeichnungen von Christian Weihrauch auf. Sie könnten leicht im
Bilderreigen großer Gesten übersehen werden, denn sie sind
kleinformatig und fordern zum intensiven Sehen auf. Dabei offenbart sich
uns Christian Weihrauch als ein fabulierender Zeichner, der
sich auf ein Abenteuer einlässt wenn er mit dem Setzen der ersten
Striche beginnt und dem Assoziieren wohlwollend, aber nicht ungezügelt
freien Lauf lässt. Der zum Teil langwierige Arbeitsprozess fördert
aus den Tiefen des ikonografischen Unbewussten poetische
Sinnbilder hervor. Diese können Fundstücke aus romantischen Landschaften, aus den Gemälden von Breughel oder Skurriles aus dem
Fotofundus und aus der Postkartenwelt sein. Vagabundierende Gestalten von
einst und aus dem Heute verweilen in der Szenerie und aus dem Stamm
eines Baumes erscheinen traumversunkene Gesichter. Gleich einem Palimpsest
überlagern sich Bedeutungsebenen und Bildgespinnste, die an gutmeinende
Träume erinnern. Einige seiner Titel, wie etwa „Tierdame“ (2003),
bezeugen die phantastischen Metamorphosen innerhalb des Floralen,
Anthropomorphen und des Urbanen.
Die Bezeichnung anderer Blätter wiederum verschweigen das zu
Sehende - wie zum Beispiel im „Glas II“. |
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Schule,
2008, Farbstifte auf Karton;
33,5 x 48 cm, Repro/Scan: Scancolor
Leipzig, Privatsammlung Hamburg |
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Diese Bleistiftzeichnung suggeriert einen zylindrischen Umriss, in
dem sich eine rätselhafte Landschaft mit Hütten, Turm und
Wanderweg öffnet und oben auf einer Anhöhe steht eine mönchsartige
Gestalt; sie hat etwas Baumartiges geschultert, das wiederum ein
masken-haftes Gesicht trägt. Dagegen lebt in der Zeichnung
„Badeanzug“ subtilster Humor auf, denn er ist
mit südlichen Urlaubsverheißungen dekoriert, mit einem Segelboot,
Palmen und mit blauem Wasser. (Dieses Prinzip der Körperbebilderung
auf der zweiten Haut des Menschen, auf seiner Bekleidung,
erinnert an Ganzkör-pertattoos - denn dort ist der Bildträger
mobil und formal eingeschränkt.) Ebenso kann es sachlich zugehen,
wenn der Zeichner uns Nahaufnahmen eines Mantels oder eines
Hemdes vorstellt. |
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Für die Ausstellung im PackHof konzipiert
er, für ihn ungewöhnlich, größere Bilder. Er konfrontiert uns mit der
Figur des Vagabunden, die aus dem Roman von Kurt Kluge „Der
Herr Kortüm“ sein kann, und mit architektonischen
Konstrukten, die den Dreißiger- und Sechzigerjahren entstammen und im
Bezug zu seinem Großvaterhaus stehen. Auch hier wandelt sich
unvorhersehbar die Erzählstruktur. Einmal ist sie geradlinig, dann
wiederum verzweigt sie sich oder bricht abrupt ab, um mit einem anderen
Inhalt fortzufahren. Es können zentralperspektivische
Nahaufnahme erscheinen, die sich irgendwann in den fernsichtigen Ebenen
des real Irrealen wiederfinden. Doch in allen Blättern ist eine
Diskrepanz zwischen dem surrealen Durchdringen, dem Neben- und
Übereinander von Motiven und dem diszipliniert geordneten
Setzen diffizilster Schraffuren und Strichlagen zu erleben. Die von
ihm verwendeten farbigen Stifte bedingen eine pastellhafte
Sanftheit, die vom Braunerdigen bis zum Regenbogenspektrum oszilliert. Das
Weiß des Blattes ist ein ort- und zeitloses Terrain, das gleichsam, indem
es sich ausbreiten würde, das grafische Gebilde überblenden könnte.
So wird es zu einem subtilen Memento mori, zu einem
Innehalten um die fragilen Konstellationen auch als solche des gefährdeten
Augenblicks zu würdigen. |
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Text / Kurator: Armin
Hauer |
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