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10.11.2002
- 26.01.2003 Mariola Brillowska, Hamburg Installation, Video, Malerei, Zeichnung |
S N U P I E K U L T |
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vergessen oder schön gedacht wurde, wird auf einmal ohne Vorwarnung enttarnt. Bei ihr gibt es keine Unschuld der Kunst mehr, keine Oberfläche ohne Risse und keinen Waffenstillstand zwischen den Geschlechtern. Sie bringt die großen Themen Glück und Liebe ins Spiel, indem sie deren Abwesenheiten thematisiert, ihre Kehrseite zeigt. Das Nichtanwesende wird dadurch um so klarer als ein Verlust der Orientierung empfunden. Dass das Paradies längst geschlossen ist, dass ist allgemein bekannt, doch sie stört noch das Träumen der Träume und lässt sogar noch die schillernden Seifenblase der Surrogate platzen. In den Animationsfilmen dominieren „Sex and Crime", „Boy mets Girl" sowie eine weibliche OO7 Aktivistin im Kampf gegen die Weltverschwörungen. Ihre Installationen, Objekte und dem Comic verwandten Zeichnungen, nicht selten sind es zugleich die Bildsequenzen aus den Zeichentrickfilmen, bauen eine Atmosphäre des Albtraumhaften, des Bedrohlichen sowie Grotesken auf. Sie zieht den Betrachter in eine Welt, die ihm Dank der Medien sehr vertraut erscheint, dennoch so weit weg ist und sehr kalt und hart wirkt. Abstrus und erbarmungslos geht es dort zu, wenn unmittelbare Einblicke in das Intimleben von einäugigen Men- |
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schenwesen Filmklischees parodieren, inklusive wüstester sexueller Phantasien und Gewaltorgien. Ihre präzise gezeichneten und unmittelbar physisch stark präsenten Gestalten irren auf dem Schlachtfeld des Überlebenskampfes hin und her, immer in bedrohlicher Nähe einer Katastrophe. Peinliches und höchst Kunstvolles verschränken sich zu einem Potpourri auf den aus den Rudern gelaufenen Aufklärungsmythos unserer westlichen Zivilisation. Es kann schon mal zu einem Treffen von Gummipuppen aus dem Erotikversand mit Schaufensterpuppen in schrägen Klamotten kommen. Und nicht weit davon entfernt stehen Ausstellungswände, tapeziert mit Textblättern im Tonfall von Telefonsexprosa. Wenn Pop Art und die jetzige Neo-Pop-Welle nur die Oberfläche des Seins thematisieren, dann entfernt Mariola Brillowska radikal und unsentimental diese schöne schützende Haut vom Existenten: Es bleibt das |
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pulsierend schrille, nicht minder faszinierende Chaos des Unvereinbaren. Nun stellt sie erstmalig in einer Ausstellung ihr schon länger betriebenes Projekt SNUPIEKULT vor. Im Text der Einladung ist unter anderem zu lesen: "Die als Frauenbewegung getarnte Sekte SNUPIEKULT aus Polen unterwandert in mehreren feministischen Terrorakten die Regierung Deutschlands. Alle deutschen Politiker heiraten Polinnen. Deutschland als Weltmacht führt die so genannte POLNISCHE WIRTSCHAFT und absurde Gesetzgebung mit polnisch als Amtssprache ein, zunächst in EUROPA, dann im gesamten Universum. Es kommt zur kulturellen Revolution und einem vorzeitigen Weltbildwandel. " Und etwas weiter im Text wird der Sinn des Untertitels der Ausstellung: Future Art Project for Mother & Baby etwas genauer erklärt: " Die Sekte beschäftigt sich mit dem Großziehen von Plastiktieren. Diese werden zuerst von SNUPIEKULT-Missionarinnen durch religiöse Rituale zum Leben zwischen Frauenbrüsten erweckt. Dort wächst ein Plastikfötus über mehrere Monate heran." Das, was zunächst bedrohlich, wirr, abstrus oder gar abgedreht erscheint, entpuppt sich im wahrsten Sinne des Wortes als eine äußerst dramatische und sinnliche Übersetzung unserer alltäglich medialen Welterfahrung mit den Themen Genforschung, Terrorakte und dem Aufeinanderstoßen verschiedener Kulturen. In den altehrwürdigen Räumen der über einhundert Jahre alten Gründerzeitvilla zeichnet, malt, installiert und dokumentiert die Künstlerin ihr trashig-pop-artiges Panoptikum des fiktiv Realen. Und der Besucher der Ausstellung befindet sich in einer zwiespältigen Situation: Einerseits fühlt er sich etwas bedroht und bedrängt von diesen Prozessen und könnte alles mit dem Wort „Kunst" entschärfen und sich Distanz verschaffen. Andererseits reißt Mariola Brillowska wieder einmal den Lack vom Schönen, Unterhaltsamen und vom Ästhetischen, so dass die derzeitigen Begriffe von „Kunst" doch immer etwas zu kurz greifen würden: es kommt zur Beunruhigung und zur Irritation – und das Leben breitet sich radikal im Museum aus. |
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Armin Hauer |
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