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z u r ü c k


PACKHOF DES MUSEUMS
C.-PH.-E.-BACH-STR. 11
25.10.2015 - 10.01.2016

Jörg Jantke
Malerei, Zeichnung, Objekte

Jörg Jantke (1952), Frankfurt (Oder), Malerei, Zeichnung, Objekte

Eröffnung am 25. Oktober 2015 um 11 Uhr, PackHof Museum Junge Kunst, Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Straße 11

Führungen PackHof Museum Junge Kunst in der Ausstellung "OHNE TITEL"


Das Museum stellt mit etwa 50 Bildern Jörg Jantkes künstlerischen Werdegang der letzten 15 Jahre vor. Der ist geprägt von einer suchenden Konsequenz nach dem Sag- und Sichtbaren und dem oftmals damit einhergehenden Zweifel an eben diesem Suchen und Finden.
Zunächst studierte er Pädagogik und arbeitete anschließend von 1975 bis 1995 in seiner Heimatstadt als Lehrer. Bereits in dieser Zeit entstanden Bilder im Umfeld der Pop Art und des Fotorealismus. Dann verließ er den Beruf und wandte sich der Kunst ganz zu. Materiell und künstlerisch auf sich gestellt, gelang ihm die Entwicklung eines vielschichtigen gegenstandslosen Werkes. Es steht im Kontext mit Künstlern aus verschiedenen Generationen, ohne mit ihnen in einen unmittelbaren Austausch zu treten. Im Alleingang - und mit den sich daraus ergebenden stilistischen Irrungen und suchenden Zwischenphasen - konzentrierte er sich konsequenterweise immer stärker auf Form und Farbe, Linie und Fläche. Auf den Ausgangspunkt der Malerei schlechthin: Farbe bedeckt Fläche, die Farbe benötigt eine Form. Sie können in dieser Reduktion auf sich verweisen, stumm oder laut sein und den Raum des Abbildhaften, des Erzählerischen und des Illusionistischen verlassen. Bleiben Form und Farbe auf der Bildfläche „übrig“, kommen Fragen nach dem Wesen der Farbe und nach deren Gestalt ins Spiel: Gibt es eine konkrete Form zu einer konkreten Farbe? Existiert die ultimative Farbe oder ist sie nur die Variation einer Idee? Wird letztendlich nicht das „Bildermachen“ zur praktizierten Erkenntnis, dass das Bild sich selbst verbietet, da es sich nie selbst genügt und stets variabel ist – also keine Endgültigkeit zu lässt.

Etwa ab dem Jahr 2000 kam Jörg Jantke zu verschiedenen Bildstrategien, die aus dem sinnlichen Kolorit und dem materialästhetischen Eigenwert heraus wirken. Das kann so weit gehen, dass farbige Folien oder Lederstücke genommen werden, um nicht mehr im herkömmlichen Sinne die Farbe mit dem Pinsel aufzutragen. Dabei hat man das Gefühl, es werden Erinnerungen an die einstige Unschuld der Farbe geweckt. Um die Fläche zu überwinden, wird ein Faden übers Bild gelegt. Somit ist ein Raum markiert, der in Wirklichkeit existiert und nicht mehr mittels der Malerei auf einer Fläche suggeriert wird. Die vorgestellten Zeichnungen können schon mal als Kopien von Zeichnungen präsentiert werden - und es gibt solche, die aus der Linie heraus einfache Formen umreißen.
Aus diesen Werkphasen werden monochrome Tafeln, die horizontalen Streifenbilder und Arbeiten auf Papier im linken Ausstellungstrakt vorgestellt. Im letzten Raum ist eine weiße Stele positioniert. Vor der hellen Wand wirkt sie wie ein minimalistischer Endpunkt in der Suche nach Reinheit und Klarheit des „Da-Seins“ - ohne großen handwerklichen und ästhetischen Aufwand. Die Rauminstallation trägt den Titel „Vorbei“.

Jörg Jantke (1952), Frankfurt (Oder)
Bild 12, 2014
2014, Acryl auf Leinwand, 80 X 120 cm; Foto: Jörg Jantke

Jörg Jantke (1952), Frankfurt (Oder)
Bild 16, 2014
2014, Acryl auf Leinwand, 80 X 120 cm; Foto: Jörg Jantke

Manchmal zeitgleich zu den monochromen Arbeiten, tendenziell jedoch um das Jahr 2010 herum angesiedelt, wird die Handschrift gestischer. Die cleanen, geschlossenen und stummen Farbflächen reißen auf, werden irrational vielschichtiger und in einem gewissen Sinne distanziert dramatischer. „Risse“, Verwischungen, Insulares, Schichtungen, Überlagerungen und sich auflösende Farbschleier sind bis heute wesentliche Bildsignale. Es kommt eine persönliche Handschrift wieder zum Vorschein. Die zuvor vermiedene Sichtbarkeit der Bewegungen beim Farbauftrag mittels Spachtels ist wieder da. Sie vergegenwärtigt Spuren geronnener Bewegungsenergie.
Auf den ersten Blick scheinen sich die Bilder zu ähneln. Insbesondere die häufig auftretenden Konstellationen von Rot/Gelb/Blau und Weiß/Schwarz prägen eine größere Anzahl an Arbeiten. Beim genaueren Sehen sind markante Unterschiede erlebbar. Dafür muss sich unser Auge in seiner Wahrnehmung auf kleinste Form- und Farbänderungen konzentrieren.
Diese Bilder befinden sich im rechten Ausstellungstrakt.
Egal welche Werkphase wir betrachten, Jörg Jantke folgt stärker seiner Intuition und seinem Gespür für Farb- und Raumklänge, für Licht und Farbkonstellationen, als dass er einer ästhetischen, ideologischen oder transzendenten Doktrin anhängt, um diese zu bebildern. Denn eigentlich ist seine Problemstellung die gleiche, die bereits in der sogenannten klassischen abstrakten Kunst zu vielen Bildfindungen, Theorien und Manifesten führte. Seit über einhundert Jahren erkunden Maler reine Flächen, reine Formen, reine Farben und wenden sich vom Gegenständlichen ab. Vor allem vor dem 2. Weltkrieg, aber ebenso unmittelbar danach, wurden diese symbolistisch, politisch oder philosophisch gedeutet und manchmal mit sozialen oder psychologisierenden Zielstellungen verbunden. Konstruktivismus, Suprematismus, Unismus, Konkrete Kunst, Minimal Art, Monochrome Malerei, Farbfeldmalerei, informelle Kunst, abstrakter Expressionismus u.a.m. gehören zum Kanon der klassischen Moderne und der Nachkriegskunst. Jahrzehnte später bediente sich die Postmoderne dieser Positionen und geht damit unkonventioneller und spielerischer um. Der ideologische Ballast scheint verflogen zu sein: jetzt sind die Künstler oft an der visuellen Oberfläche interessiert und nicht mehr am theoretischen Tiefgang.
Das hat für den heutigen nonfigurativen Maler etwas Souveränes und Befreiendes zur Folge, da er einer Kunstgeschichte gegenübersteht, die sehr viele Stile erfunden hat und Theorien befolgte, die sich im Nachhinein aber als erschöpft oder gar als fragwürdig erwiesen haben. Er trägt ihnen gegenüber vielleicht nicht mehr die Last der historischen Verantwortung. Er muss nicht mehr in den ideellen und politischen Gefechten der einstigen Malerfronten und -gruppen seinen Platz suchen. Zwischen ihnen kann er sich nun hin und her bewegen und Anregungen aufnehmen - ohne einer polemischen Verbindlichkeit zu unterliegen. Hier ist vielleicht die Malerei zu sich gekommen, verbunden mit dem eventuellen Makel, keine „erkenntnistheoretische Funktion mehr im sozialen Kunstbetrieb“ zu erfüllen, außer sich als Malerei selbst zu präsentieren, um sich nicht von kunstfremden Positionen vereinnahmen zu lassen. Gerade dadurch könnte diese Sprache den Blick wieder schärfen, um gewissermaßen „von Interessen frei“ auf unsere funktionale und lebenseffiziente Weltsicht Einfluss zu nehmen. So gesehen wäre diese Art der Malerei mehr als nur ein Bild. Sie wäre eine mögliche Form des Erfahrens und Empfindens, verbunden mit einem uneigennützigen Potenzial des Verbindlich-Unverbindlichen. Es wäre ein Erkennen mittels eines eigenen sinnlichen Seherlebnisses.

Jörg Jantke bewegt sich im Spannungsfeld zwischen diesen klassischen Positionen und denen der Jetztzeit. Die „kunsthistorische Last“ erdrückt ihn nicht, eher gab und gibt sie ihm Zuversicht und Zuspruch für seine Erkundungen. Über verschiedene Werkphasen gewann er die Gewissheit von einer möglichen Formensprache, deren Freiheit und Unbegrenztheit gerade im Verzicht auf ihr Ausufern besteht. Seine Reduktion des Ausdrucks, wenn man ihn nicht ihm illustrativen Sinne versteht, steigert ihn sogleich. Sowohl Zufall und Selbstdisziplin im malerischen Prozess, verbunden mit gleichzeitiger Toleranz dem „unbewussten Agieren der Hand“ gegenüber, sind die Pole zwischen denen er sich bewegt.


Kurzbiografie

1952 geboren in Frankfurt (Oder)
1959 – 1971 Schulbesuch
1971 – 1975 Studium an der Humboldt-Universität Berlin
1975 Diplom als Lehrer für Kunsterziehung und Geschichte
1975 – 1995 Lehrer
seit 1995 freischaffend in Frankfurt (Oder)

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Text/Kurator: Armin Hauer


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Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag  von 11.00 bis 17.00 Uhr

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