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z u r ü c k


PACKHOF DES MUSEUMS
C.-PH.-E.-BACH-STR. 11
25.02.2018 - 13.05.2018

Wilhelm Lachnit. Sachlichkeit und Melancholie

Wilhelm Lachnit (1899), Gittersee bei Dresden

Eröffnung am 25. Februar 2018 um 11 Uhr, Packhof Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst, Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Straße 11


ZUR AUSSTELLUNG

Ungewöhnlich für eine Ausstellung des Packhofes ist die Vorstellung eines Künstlers, dessen Geburtsdatum in das Jahr 1899 fällt. Eigentlich ist das der Ort, an dem sich junge Positionen der Gegenwartskunst vorstellen. Doch Wilhelm Lachnit zählt zu den Dresdnern Künstlern, die sich in der Nachkriegszeit der klassischen Moderne verpflichtet fühlten und zugleich an einer noblen Dresdner Malkultur festhielten, die auf dem kultivierten Klang von Form und Farbe basierte ohne der Gegenständlichkeit zu entsagen. Dabei wurde eine kompositorische Strenge zum Grundtenor seiner Porträts, Stillleben, Zirkusszenen, Akte und Landschaften. Seine Sujets gehen metaphorisch weit über das Sichtbare hinaus. Sie vermitteln ein Gefühl von Schönheit und Melancholie, Wohlklang und unterschwelliger Dissonanz.

Entfernt von den kulturpolitischen Forderungen der SED

Den Forderungen in den Fünfzigerjahren nach Agitation und Propaganda im Stile des Sozialistischen Realismus seitens der SED (Stichwort Formalismusdiskussion) kam er ebensowenig nach wie seine Altersgenossen Albert Wigand (1890-1978), Theodor Rosenhauer (1901-1996), Curt Querner (1904-1976), Hermann Glöckner (1889-1987), Hans Jüchser (1894-1977), Karl Kröner (1887-1972) oder Joachim Heuer (1900-1994), um nur einige zu nennen. Das hatte zur Folge, dass er 1954 seine Lehrtätigkeit an der Hochschule für Bildende Künste unter Zwang aufgeben musste. Als geachteter Lehrer vermittelte er dennoch eine malerische Haltung, die prägende Spuren unter anderem in den Bildern von Harald Metzkes (1929), Jürgen Böttcher (Strawalde) (1931) und Manfred Böttcher (1933-2001) hinterließen. Wilhelm Lachnit selbst studierte von 1921 bis 1923 an der Dresdner Akademie für Bildende Künste und war Meisterschüler bei Richard Dreher (1875-1932). Zu seinem Künstlerumfeld zählten unter anderem Otto Dix (1891-1969), Curt Querner, Otto Griebel (1895-1972), Eugen Hoffmann (1892-1954), Hans Grundig (1901-1958) und Lea Grundig (1906-1977). Als Mitglied der KPD und der Assoziation revolutionärer bildender Künstler (ARBK) sah er in der Kunst ein gesellschaftspolitisches Anliegen, das wiederum nicht unmittelbar in den Bildwelten zu erkennen sein sollte. In der Zeit von 1933 bis 1945 kam es zu Arbeitseinschränkungen.

Die Ausstellung stellt rund 50 Malereien, Radierungen, Pastelle und Monotypien vor. Die Bilder gehören zum Bestand des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst. Dadurch ist ein kleiner, aber ebenso repräsentativer Einblick in das umfangreiche Lebenswerk des Malers gegeben. Hinzu kommen Plastiken der Dresdner Walter Arnold (1909-1979), Eugen Hoffmann, Gerd Jaeger (1927), Max Lachnit (1900-1972), Reinhold Langner (1905-1957), Lucie Prussog (1900-1990) und Willy Wolff (1905-1985). Ihre Arbeiten weisen direkt oder indirekt eine ähnliche Grundstimmung oder formale Haltung auf, wie sie in den Bildern anklingen. Somit gerät der Betrachter in ein sinnliches Zwiegespräch zwischen Bild und Skulptur, zwischen dem Zwei- und Dreidimensionalen.

Vor 1945 - Neue Sachlichkeit und etwas Neoklassizismus

Die Konzeption der sechs Räume des Packhofes konzentriert sich in den ersten drei auf circa 25 Zeichnungen, Radierungen und Pastelle vor 1945. Zu sehen sind Porträts von Bekannten und von Menschen aus den unteren sozialen Schichten. Im Stil der neuen Sachlichkeit, dennoch anders als Dix, interessierte sich Wilhem Lachnit für das Seelische und das Empfindsame im Gegenüber und für das, was die konkrete Zeit als soziale Prägung in die Personen "eingeschrieben" hat. Bereits hier wird seine ihm eigene spröde Bildsprache, bestehend aus poetischer Innerlichkeit und der Neigung zum wehmütigen Sound des Melancholischen spürbar. Kleinformatige Radierungen von kargen Landschaften oder ein an Dürers (1471-1528) Rasenstück erinnerndes "Wiesenstück" zeugen von seinem handwerklichen Können. In den Dreißiger- und frühen Vierzigerjahren wurde sein Stil etwas neoklassizistischer und symbolischer. Gut zu sehen ist das im kleinformatigen Knabenbildnis, gemalt in altmeisterlicher Lasurtechnik, und im Pastell "Abschied des Kriegers" von 1940; das Jahr in dem Deutschland Frankreich überfiel. Nach dem unmittelbaren Kriegsende standen für ihn Trauer und Mitgefühl im Vordergrund. Das Pastell "Erst das Kind dann die Mutter" (1945) zeigt eine Frau mit entblößter Brust und einem Kind im Arm. Vor den beiden steht ein Teller auf dem Tisch und die Frau hält einen Löffel in der Hand. Ikonografisch verbindet sich hier die Mariendarstellung mit der Caritassymbolik; Mutter- und Nächstenliebe werden zum Sinnbild auf Hunger und Leid.



Den Bildern zugeordnet sind Plastiken wie die formreduzierte "Wischfrau" (1930/32) von Lucie Prussog und die veristisch wirkende "Schwangere" (um 1940) von Reinhold Langner. Ein Grundgefühl der Zeit, irgendwo schwankend zwischen Angst und Hoffnung, Scham und Wut, Verzweiflung und dem nackten Überlebenswillen, vermitteln die "Trauernde Frau" (1943), ebenfalls von Langner, die "Tröstende Umarmung" (1948/50) von Eugen Hoffmann und eine stilistisch auf Henry Moore verweisende "Auschwitzgruppe" (1949/52) von Max Lachnit, dem Bruder des Malers.

Nach 1945 - Dialog mit der Moderne

Die anderen drei Räume des Packhofes sind den rund 30 Malereien und Arbeiten auf Papier vorbehalten. Sie entstanden in den Fünfzigerjahren und reichen bis zu seinem Tod 1962. Das Kolorit geriet spröder und kontrastreicher, manchmal fast spätexpressionistisch und die altmeisterliche Malweise in den Tempera- und Ölbildern verschwand allmählich. In der Druckgrafik kam es zu unkonventionellen Experimenten und die vielfältigen Möglichkeiten der Monotypie inspirierten ihn. Generell wurden jetzt Personen, Landschaften und Dinge abstrahierend wahrgenommen und auf Grundformen reduziert. Dadurch gerieten die Kompositionen überschaubarer. Sie ließen keinen Raum für Anekdotisches und konzentrierten sich auf Wesentliches. Der dadurch ermöglichte Ton des "In sich Ruhens" ist in der Bronzeplastik "Brotschneidende" (1949) von Walter Arnold ebenso wiederzufinden wie in den Mutter-und-Kind-Darstellungen, in den ornamental-bukolischen Akten und im üppigen Vanitas-Stillleben mit Masken, Kerze und Spiegel. Der jüngere Bildhauer Gerd Jäger befasste sich ebenfalls in den Fünfzigern mit dem Abstrahieren von Formen und mit der Suche nach einer unsentimentalen, dem Zufall der Natur enthobenen Figürlichkeit. In der Nähe des Bildes "Freundinnen" (1950/55) und der nobel erstrahlenden "Lesende mit Papagei" (1957) steht seine an ein archaisches Idol gemahnende Bronzebüste der "Tänzerin S.L." (1953). Sie weist eine gewisse Zeitlosigkeit auf und gleichzeitig erhält sie individuelle Züge einer sensiblen Künstlerin. Die Tuschezeichnungen, Pastelle und kostbar wirkenden Monotypien vermitteln einen freieren rhythmischen Form- und Farbklang als in der Malerei. Bäume, Hügel und Gebäude wurden als Kuben aufgefasst und der Mensch geriet zum gleichnishaften Bildzeichen. Ein schöner Bild-Raum-Akkord ergibt sich durch den Dialog zwischen dem kubistisch inspirierten Holzrelief von Willy Wolff und den leuchtenden Landschaftspastellen.

Wilhelm Lachnit nimmt in seiner letzten Schaffensphase Anregungen von Picasso (1881-1972), Henri Matisse (1869-1954), George Braque (1882-1963) und Karl Hofer (1878-1955) auf. Damit zählt er zu denjenigen in der DDR, die trotz widriger kulturpolitischer Bedingungen den Dialog mit der Moderne aufrecht erhielten und ihren schöpferischen Beitrag hinzufügten. Das geschah in Form von einigen öffentlichen Aufträgen, nicht selten kulturpolitisch verdammt, mit kleineren Personalausstellungen und einigen Ausstellungsbeteiligungen innerhalb und außerhalb des Landes. Hier wiederum kam es in der DDR des Öfteren zum Ausjurieren seiner Beiträge. Doch bei privaten Sammlern und Kunstfreunden waren seine Bilder begehrt und "mutige DDR-Museen" erwarben sie bereits zu seiner Lebenszeit.

Kurzbiografie

  • 1899 geboren in Gittersee bei Dresden
  • 1914 - 1918 Lehre als Schriftmaler und Lackierer, Teilnahme an Abendkursen der Dresdner Kunstgewerbeschule
  • 1918 - 1920 Arbeit als Dekorationsmaler
  • 1921 - 1923 Studium an der Dresdner Akademie für Bildende Künste, Meisterschüler bei Richard Dreher
  • seit 1924 freischaffend in Dresden
  • 1925 Eintritt in die DKP
  • 1929 Gründer der Dresdner Ortsgruppe der ARBK (Assoziation revolutionärer bildender Künstler Deutschland)
  • 1933 Inhaftierung/Entlassung, Gelegenheitsarbeiten als Ausstellungs- und Messegestalter
  • 1945 Einberufung zum Volkssturm
  • 1947 - 1954 Professur an der Hochschule für Bildende Künste Dresden
  • seit 1954 freischaffend
  • Mitglied im Verband Bildender Künstler der DDR (VBK-DDR)
  • 1962 gestorben in Dresden


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